Gold setzt seinen Lauf in bislang ungeahnte Höhen fort: Am Donnerstag stieg der Spotpreis zwischenzeitlich bis knapp unter 5.600 US-Dollar je Unze und markierte damit ein neues Rekordniveau. Parallel rückte Silber bis auf wenige Dollar an die Marke von 120 US-Dollar heran. Hinter der Bewegung steht laut Marktbeobachtern ein Mix aus geopolitischer Unsicherheit, makroökonomischen Sorgen und einer wachsenden Nachfrage nach als stabil wahrgenommenen Wertaufbewahrungsmitteln.
Auffällig ist dabei vor allem die Geschwindigkeit dieser Bewegung: Erst am Montag überschritt Gold erstmals die psychologisch wichtige Marke von 5.000 US-Dollar je Unze. Seitdem legte Gold in dieser Woche bereits um mehr als 10% zu. Auf Jahressicht steht Gold inzwischen mit mehr als 27% im Plus – nach einem bereits starken Anstieg von 64% im Jahr 2025.
Gold als Sicherheitsanker: Schulden, Handel und „neutrales“ Wertaufbewahrungsmittel
Als zentralen Treiber nennen Analysten die zunehmende Nervosität im Hinblick auf Staatsfinanzen und die Stabilität des globalen Handelssystems. Sie verweisen unter anderem auf wachsende US-Schulden und die Unsicherheit, die aus Anzeichen einer Fragmentierung des Welthandels entstehe. Statt eines klar US-zentrierten Systems würden sich demnach stärker regionale Blöcke herausbilden – ein Umfeld, in dem Gold traditionell als Sicherheitsanker gesucht ist.
Hinzu kommt der bekannte Rückenwind, der in der Vergangenheit häufig mit steigenden Goldpreisen einherging: ein schwächerer US-Dollar und anhaltende Käufe durch Zentralbanken. Diese Faktoren sind Teil eines Cocktails von Faktoren, der die Rallye antreibt. Gerade die Zentralbanknachfrage gilt im aktuellen Umfeld als stabilisierender Nachfrageblock, der die Preisbildung stärker beeinflussen kann als in Phasen, in denen Gold vor allem von Finanzinvestoren dominiert wird.
Analysten beschreiben zudem eine Verschiebung in der Wahrnehmung von Gold: Gold werde nicht mehr nur als Krisen- oder Inflationsschutz betrachtet, sondern zunehmend als „neutrales“ und verlässliches Wertaufbewahrungsmittel, das Diversifikation über verschiedene makroökonomische Regime hinweg liefern könne. Diese Sichtweise passt zu einer Marktphase, in der Unsicherheit nicht nur auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen ist, sondern mehrere Themen gleichzeitig wirken – von Fiskalfragen über Geldpolitik bis hin zu geopolitischen Risiken.
Geopolitik und Geldpolitik: Iran-Spannungen und Fed bleibt abwartend
Die Rallye bei Gold fiel in einen Nachrichtenfluss, der die Nachfrage nach Sicherheitsanlagen zusätzlich stützte. In der Geopolitik rückte die Auseinandersetzung zwischen den USA und Iran in den Fokus: US-Präsident Donald Trump forderte Iran am Mittwoch zu Verhandlungen über Nuklearwaffen auf und warnte, ein künftiger US-Angriff würde deutlich schwerer ausfallen. Teheran reagierte laut Bericht mit der Drohung, im Falle eines Angriffs gegen die USA, Israel und Unterstützer zurückzuschlagen. Solche Eskalationsrisiken erhöhen häufig die Attraktivität von Gold als „sicherer Hafen“, weil Marktteilnehmer in unübersichtlichen Lagen tendenziell Liquidität in als robust wahrgenommene Werte umschichten.
Auch die US-Geldpolitik spielte eine Rolle. Denn die US-Notenbank Federal Reserve ließ die Zinsen am Mittwoch – wie erwartet – unverändert. Fed-Chef Jerome Powell sagte dem Bericht zufolge zugleich, die Inflation im Dezember liege wahrscheinlich weiterhin deutlich über dem Zielwert von 2%. Für Gold ist das doppelt relevant: Erstens signalisiert eine zurückhaltende Fed in einem unsicheren Umfeld, dass die Notenbank abwägt und Spielraum begrenzt sein könnte. Zweitens bleibt Inflationsdruck – selbst wenn er nicht akut eskaliert – ein Faktor, der die Nachfrage nach Gold als Wertaufbewahrungsmittel stützen kann.
Marktbeobachter weisen allerdings auch auf die Risiken einer Überhitzung hin. Experten beschreiben die Bewegung als „parabolisch“ – ein Hinweis darauf, dass kurzfristige Rücksetzer näher rücken könnten. Gleichzeitig wird betong, die fundamentalen Faktoren könnten über 2026 hinweg unterstützend bleiben.
Neue Nachfrageimpulse: Tether, Shanghai und die Silber-Sogwirkung
Neben klassischen Treibern wie Geopolitik und Zentralbanken nennt der Bericht auch neue Nachfrageimpulse. So plant die Krypto-Gruppe Tether, 10% bis 15% ihres Investmentportfolios in physisches Gold zu allokieren. Eine solche Ankündigung wirkt in einem ohnehin engen Marktumfeld als zusätzlicher Stimmungs- und Nachfragefaktor – insbesondere, weil sie das Thema „physisches Gold“ betont.
Parallel wird aus Asien eine erhöhte Aktivität im Einzelhandel berichtet: In Shanghai und Hongkong seien Kunden verstärkt in Geschäften, die Edelmetalle verkaufen. Das deutet auf eine spürbare Beteiligung privater Käufer hin, die in Phasen stark steigender Preise häufig entweder Absicherungsbedarf sehen oder auf eine Fortsetzung des Trends setzen. Diese Nachfragekomponente kann die Dynamik kurzfristig verstärken, gerade wenn sie mit Momentum-Käufen an den Terminmärkten zusammenfällt.
Auch Silber profitierte in diesem Umfeld deutlich. Der Spotpreis stieg am Donnerstag um 1,1% bis auf 117,87 US-Dollar je Unze, nachdem zuvor ein Rekordhoch bei 119,34 US-Dollar erreicht worden war. Silber wird laut Bericht von Anlegern teils als günstigere Alternative zu Gold gesucht, während zugleich Angebotsengpässe und Momentumkäufe den Markt stützen. Auf Jahressicht steht Silber demnach bereits mit mehr als 60% im Plus.
Die Analysten von Standard Chartered verweist in einer Notiz auf ein weiteres Jahr mit einem Defizit am Silbermarkt. Die eigentliche Marktanspannung entstehe dabei weniger allein aus dem laufenden Defizit, sondern aus einer geringeren Verfügbarkeit oberirdischer Bestände. Mit anderen Worten: Selbst wenn Angebot und Nachfrage im laufenden Jahr „nur“ knapp auseinanderliegen, kann der Preis stark reagieren, wenn verfügbare Lagerbestände nicht in dem Umfang mobilisiert werden, wie es der Markt benötigt.