Der Silbermarkt startet mit ungewöhnlich dünnen Beständen ins Jahr 2026 – und genau das könnte nach Einschätzung von Goldman Sachs die Preisdynamik weiter verschärfen. Die Analysten verweisen in einem aktuellen Bericht darauf, dass geringe verfügbare Lager in den maßgeblichen Londoner Tresoren den Markt besonders anfällig für Kapitalflüsse machen. In der Folge können Aufwärtsbewegungen schneller eskalieren – und ebenso abrupt enden, wenn sich Engpässe entspannen. Silber notiert derweil laut Marktdaten derzeit oberhalb von 84 US-Dollar je Unze!
Bemerkenswert ist dabei die Diagnose: Goldman Sachs spricht nicht von einem globalen Mangel an Silber, sondern von regionalen Verwerfungen und logistischen Flaschenhälsen. Diese Verzerrungen reichen aus, um einen Markt, der traditionell ohnehin als volatiler sei als Gold, in eine Phase erhöhter Ausschläge zu versetzen. Für Investoren und Industrieabnehmer bedeutet das vor allem eines: Preisbewegungen könnten 2026 stärker von „Flows“ als von klassischen Fundamentaldaten bestimmt werden.
Silber: Warum dünne London-Bestände den Markt dominieren
Der zentrale Mechanismus ist laut Goldman Sachs relativ simpel, aber wirkungsvoll: Wenn die verfügbaren Silber-Bestände in London gering sind, muss zusätzliche Nachfrage schneller über den Preis ausgeglichen werden. Unter „normalen“ Bedingungen würde ein wöchentlicher Netto-Nachfrageschub von 1.000 Tonnen den Silberpreis nach Schätzung der Bank um rund 2% bewegen. In der aktuellen Situation liegt diese Sensitivität demnach bei etwa 7% – ein Maßstab, der zeigt, wie stark der Markt inzwischen auf Zuflüsse und Abflüsse reagiert.
Diese erhöhte Reaktionsfähigkeit hängt eng mit der Rolle Londons zusammen. Dort wird der globale Referenzpreis für physisches Silber geprägt, und dort sitzt ein wesentlicher Teil der Liquidität. Werden Bestände knapp, können sogenannte Squeezes entstehen: Preisrallyes beschleunigen, weil neue Käufe die verbleibenden Bestände absorbieren. Dreht der Engpass, kann die Bewegung umso schärfer zurücklaufen. Goldman sieht genau diese „Asymmetrie“ als prägend für die nächsten Monate – nach oben wie nach unten.
Von New York nach London – oder bleibt das Silber in den USA?
Der Hintergrund der angespannten Lage reicht zurück ins Vorjahr. Ein wesentlicher Teil des Metalls wurde nach Einschätzung der Analysten 2025 in US-Lagerstätten verlagert, weil Marktteilnehmer eine mögliche Zoll- oder Handelspolitik der Trump-Administration fürchteten. Dadurch stiegen die Bestände in US-Tresoren, während sich die Verfügbarkeit in London spürbar verringerte. Diese regionale Umverteilung kann die Preisbildung verzerren, obwohl global betrachtet ausreichend Silber vorhanden sein mag.
Ob sich diese Lage wieder normalisiert, hängt laut Goldman Sachs maßgeblich von der Handelspolitik ab. Wird Klarheit geschaffen und wandert Silber aus US-Tresoren zurück nach London, könnte das die physische Enge entspannen – und damit auch die Preisschwankungen dämpfen. Allerdings verweisen die Analysten auf eine wichtige Parallele: Auch bei Gold blieb ein Großteil der zuvor nach New York in COMEX-Tresore verlagerten Bestände dort, selbst nachdem Washington Gold von Zöllen ausgenommen hatte. Sollte sich Silber ähnlich verhalten, könnte die extreme Preisreaktion auch dann anhalten, wenn es eine definitive Aussage zu möglichen US-Zöllen auf Silber gibt.
Gleichzeitig betont Goldman Sachs, dass die Nachfrage nicht zwingend „überdehnt“ sein muss, obwohl Silber auf Rekordniveaus handelt. Als Indikator führen die Analysten an, dass die Bestände in Silber-ETFs weiterhin unter ihren Höchstständen aus dem Jahr 2021 liegen. Vor diesem Hintergrund sei es denkbar, dass ETF-Zuflüsse erneut zunehmen – etwa bei weiteren Zinssenkungen oder einer breiteren Portfolio-Diversifikation.
China verschärft Regeln – Fragmentierung als neuer Volatilitätsfaktor
Ein zusätzlicher Störfaktor kommt aus Asien: China hat für 2026 neue Exportrestriktionen eingeführt, die für Ausfuhren von Silber eine offizielle Genehmigung erfordern. Goldman Sachs sieht darin weniger eine direkte Verknappung im globalen Maßstab, sondern das Risiko einer Fragmentierung: Wenn Material nicht mehr frei zwischen Regionen fließen kann, sinkt die Liquidität und lokale Engpässe wirken stärker auf den Preis.
Die Analysten skizzieren dabei einen Strukturwandel: Statt eines „gepoolten“ globalen Systems, in dem Bestände als Puffer über Regionen hinweg fungieren, könnten Marktteilnehmer verstärkt eigene Sicherheitsbestände aufbauen. Das wäre – aus Sicht der Preisbildung – eine Verschiebung hin zu isolierten regionalen Inventaren. Konsequenz: weniger Ausgleichsmöglichkeiten, mehr sprunghafte Bewegungen, höhere Prämien in angespannten Zentren und eine stärkere Entkopplung zwischen physischen Märkten.
Unterm Strich zeichnet Goldman Sachs damit das Bild eines Silbermarkts, der 2026 weniger von der Frage „Gibt es genug Silber?“ geprägt sein dürfte, sondern von „Wo liegt es – und wie schnell kann es dorthin, wo es gebraucht wird?“. In einem Umfeld mit knappen London-Beständen, zollpolitischer Unsicherheit und zusätzlichen Restriktionen im Welthandel bleibt Silber damit besonders anfällig für schnelle Richtungswechsel – selbst dann, wenn die globale Versorgungslage an sich nicht als dauerhaft kritisch gelten muss.