Stand: 13.02.2026 von Florian Grummes
Nachdem sich die Edelmetallpreise in den vergangenen zwei Wochen unter teils starken Schwankungen vom Crash zum Monatswechsel erholt hatten, bewegte sich der Goldpreis in dieser Handelswoche überwiegend seitwärts. Am gestrigen Spätnachmittag kam es jedoch zu einem abrupten Einbruch: Gold verlor rund 200 USD und fiel auf ein Tagestief von 4 878 USD. Silber stürzte sogar um mehr als 10 % auf 73,93 Dollar ab.
Gegen Abend, im anschließenden asiatischen Handel sowie am Freitagvormittag kehrten die Käufer allerdings wieder in den Markt zurück, sodass der Goldpreis kurz vor dem Wochenschluss bei rund 4.975 US-Dollar notierte. Damit bleibt die psychologisch wichtige Marke von 5.000 US-Dollar in greifbarer Nähe.
Ob die Erholungsbewegung seit dem Crash‑Tief bei 4.400 US‑Dollar mit dem gestrigen scharfen Rücksetzer bereits beendet wurde, oder ob der Rücksetzer bereits ausgestanden ist, ist derzeit noch unklar. Viele Marktteilnehmer rechnen im Vorfeld der in der nächsten Woche anstehenden chinesischen Neujahrsfeiertage aufgrund der fehlenden physischen Nachfrage mit deutlicheren Rücksetzern. Allerdings verlaufen solche „Konsens‑Trades“ erfahrungsgemäß häufig anders als erwartet.Trotzdem ist auf Sicht der kommenden Woche Vorsicht bzw. Aufmerksamkeit geboten, denn deutliche Preisrücksetzer könnte sogar eine Kaufchance liefern.
Struktur statt Panik
Trotz der jüngsten Turbulenzen signalisiert die längerfristige Markttechnik bei Gold nach wie vor eine klar konstruktive bzw. bullische Tendenz. Nach den starken Kursanstiegen und der hohen Volatilität ist eine Konsolidierungsphase völlig normal und gesund, denn Märkte steigen selten in einer geraden Linie, sondern bewegen sich in Impulsen und Zwischenkorrekturen. Entscheidend ist, dass sich die grundlegenden Rahmenbedingungen bislang kaum geändert haben.
Die weltweite Inflation liegt weiterhin oberhalb der Zielmarken der Zentralbanken, was die Attraktivität realer Sachwerte wie Gold stützt. Gleichzeitig bauen Notenbanken – allen voran aus den BRICS‑Staaten – ihre Goldreserven weiter aus, um die Abhängigkeit vom US‑Dollar zu reduzieren und ihre Währungen zu untermauern. Parallel dazu schwindet das Vertrauen vieler Investoren in reine Papierwährungen und ungedeckte Schuldversprechen, was den strategischen Stellenwert von Edelmetallen zusätzlich erhöht.
Vor diesem Hintergrund erscheinen die jüngsten Ausschläge eher als Ausdruck eines von Liquidität und Sentiment getriebenen Marktumfelds denn als Anzeichen eines strukturellen Bruchs im Aufwärtstrend. Solange die genannten fundamentalen Treiber intakt bleiben, spricht vieles dafür, die aktuelle Volatilität als Teil einer größeren Konsolidierungsphase innerhalb eines übergeordneten Bullenmarkts zu interpretieren – und nicht als dessen Ende.
Silber: Volatilität mit Verstärker

Wie so oft zeigt Silber allerdings überproportionale Reaktionen. Nach einer spekulativen Überhitzung an der Shanghai Futures Exchange, wo Preise von über 38.000 Yuan pro Kilogramm erzielt wurden, kam es zu einer regelrechten „Long-Squeeze“-Welle. Viele Trader mussten überhastet Positionen schließen, wodurch die Preise massiv unter Druck gerieten. Gleichzeitig steigen vor dem chinesischen Neujahrsfest die physischen Silberprämien wieder deutlich – ein Zeichen, dass die reale physische Nachfrage weiterhin robust ist.
Chinas Rolle im globalen Edelmetallmarkt

Die bevorstehende, neun Tage andauernde Schließung der Shanghaier Metallbörsen ab dem 15. Februar wirft ein Schlaglicht auf die zentrale Rolle Chinas im physischen Metallhandel. Da in Shanghai mehr physisches Gold umgesetzt wird als in allen westlichen Märkten zusammen, führt eine solche Pause regelmäßig zu Preisspitzen oder -einbrüchen an den Papiermärkten in London und New York.Historisch kam es während vergleichbarer Unterbrechungen zu Preisrückgängen von 5 bis 12 Prozent – gefolgt von kräftigen Rebounds, sobald der physische Handel in China wieder einsetzt.
Die Bestände an der Shanghai Futures Exchange (SHFE) sind diese Woche jedenfalls um 3,7 Tonnen auf 353 Tonnen angestiegen, während die Shanghai Gold Exchange (SGE) dramatische Abflüsse von 43 Tonnen auf nur noch 450,5 Tonnen verzeichnete. Insgesamt umfassen die kombinierten Silberbestände beider Börsen derzeit 804 Tonnen oder 25,9 Millionen Unzen – ein klares Signal für anhaltende physische Nachfrage trotz der Preiskorrektur.
Ein globales Währungs- und Vertrauensproblem
Der gestrige Einbruch bei den Edelmetallpreisen spiegelt weniger die direkte Fortsetzung der Korrektur wider, sondern beruht vielmehr auf einer angespannten globalen Liquiditätssituation. Hedgefonds und spekulative Trader mussten riskante bzw. gehebelte Positionen abbauen, um Margin Calls zu erfüllen – ein klassisches Zeichen der „forcierten Liquidation“.
Gleichzeitig verfolgt China mit seiner Gold-Akkumulation und der Aufwertung des Yuan zur Weltreservewährung eine langfristige Strategie, die das internationale Währungssystem strukturell verändern wird.
Auch wenn die Märkte derzeit chaotisch wirken, bleibt Gold der entscheidende Indikator für Vertrauen im Finanzsystem. Die Marktstruktur zeigt kein fundamentales Schwäche-Signal, vielmehr bietet die aktuelle Konsolidierung Gelegenheit, Ruhe zu bewahren und die Bewegungen als eine Durchschnaufpause innerhalb des größeren Trends zu betrachten.
Silber, wie üblich, übertreibt in beide Richtungen, doch langfristig folgt es dem Weg des Goldes.
Silber – Crash nach 156 % Rallye, unterhalb von 70 US-Dollar wieder interessant

Mit dem historischen Ausbruch über die Marke von 50 US-Dollar im Oktober des vergangenen Jahres setzte am Silbermarkt eine beeindruckende Aufwärtsdynamik ein. Innerhalb von nur drei Monaten stieg der Preis von 45,51 US-Dollar auf ein Silber-Allzeithoch von 116,86 US-Dollar – ein Plus von über 156 %.
Ausgehend von diesem neuen Allzeithoch kam es jedoch ab Ende Januar zu zwei heftigen Korrekturwellen, die den Silberpreis bis zum 6. Februar in Windeseile zurück auf 64,04 US‑Dollar drückten (‑47,3 %). Damit wurde mehr als die Hälfte der gesamten Rekordrallye, die im März 2020 bei 11,03 US‑Dollar ihren Ausgang nahm, innerhalb nur einer Woche wieder ausradiert.
Das technische Bild ist nach diesem Crash-Rücksetzer naturgemäß deutlich angeschlagen. Zwar konnte sich der Silberpreis im Wochenverlauf zeitweise spürbar erholen und bis an die Marke von 86,30 US-Dollar anziehen, doch zum nahenden Wochenschluss notieren die Kurse infolge des gestrigen Kursrutsches mit rund 78,50 US-Dollar wieder deutlich niedriger.
Bislang hat die nach wie vor schnell ansteigende 50‑Tagelinie (79,84 US‑Dollar) die Angriffe der Bären abgefedert und den Kurs aufgefangen. Das untere Bollinger‑Band (64,57 US‑Dollar) hat jedoch nach unten abgedreht und könnte den Bären in nächster Zeit zusätzlichen Spielraum nach unten eröffnen.
Im „Worst-Case“-Szenario wäre in den kommenden Monaten daher ein Rücklauf bis an die historische Ausbruchszone im Bereich von rund 50 US-Dollar vorstellbar. Solange sich der Goldpreis jedoch klar über 4.500 US-Dollar behaupten kann, erscheinen derart tiefe Kursziele derzeit eher unrealistisch.
Wir würden den Verlauf der kommenden Woche zunächst aufmerksam abwarten, denn ohne den physischen Handel in China sind deutliche Kursschwankungen tatsächlich möglich. Trotz der weiterhin eher hohen Aufgelder halten wir physische Zukäufe unterhalb von 70 US-Dollar für interessant.
Fazit: Silber – Konsolidierung nach Rekordrallye & Crash
Die aktuelle Marktlage bei den Edelmetallen ist geprägt von hoher Volatilität, einem klaren Umkehrsignal am Silbermarkt sowie der bevorstehenden Marktschließung in China. Die übergeordnete bullische Struktur ist aber intakt.
Daher dürfte dem Goldpreis als sicherer Hafen wieder die Führungsfunktion zukommen. Oberhalb der Crash-Tiefs um 4.400 US-Dollar dürfte sich die Korrektur eher seitwärts und über die Zeitachse abspielen.
Gut möglich, dass es einfach eine Weile um die runde Marke von 5.000 US-Dollar hin und her geht, bis sich die Marktteilnehmer an das neue Preisniveau gewöhnt haben. Der Silberpreis mit seiner typischen Hebelwirkung und den dramatischen Ausschlägen dürfte hingegen wohl noch eine Weile benötigen, um sich nach dieser Achterbahn zu beruhigen.
Florian Grummes
Technischer Analyst, Edelmetallexperte