Stand: 16.04.2026 von Florian Grummes
Ausgehend vom Panik-Tief am 23. März bei 4.099 US-Dollar hat sich der Goldpreis in den vergangenen vier Wochen langsam, aber kontinuierlich nach oben gearbeitet. Auch wenn das Momentum allmählich etwas nachlässt und die geopolitischen Spannungen immer wieder als Störfaktor wirken, bleibt die Beharrlichkeit der Erholungsbewegung bemerkenswert. Höhere Kursziele im Bereich zwischen 4.900 und 5.100 US-Dollar sind weiterhin aktiv und könnten schon bald erreicht werden.

Denn trotz Waffenstillstand und einem einigermaßen stabilen „Papier-Ölpreis“ ist der Konflikt zwischen den USA/Israel und dem Iran keineswegs beendet. Vielmehr hat der Krieg eine tektonische Spannung im globalen Energiesystem offengelegt. Die Blockade der Straße von Hormus – durch die rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls transportiert wird – bedeutet den ernsthaftesten Test für die Ölversorgung seit Jahrzehnten. Zwar haben sich erste Tanker wieder in Bewegung gesetzt, doch die Unsicherheit bleibt bestehen.
Während der IEA‑Chef vor weiter steigenden Preisen warnt und von „systemischen Engpässen“ spricht, zeigen die westlichen bzw. amerikanischen Terminmärkte bislang kein echtes Krisenbewusstsein. Die Lagerbestände in den USA nehmen sogar zu, ein erstaunliches Paradox mitten im Krieg. Dass der Markt trotz Kriegsszenario und Blockade keine Panik zeigt, wirkt weniger wie Gelassenheit – sondern wie Verdrängung.
Der Krieg um Öl und Kontrolle


Der eigentliche strategische Fokus verschiebt sich längst nach Osten. Chinas nahezu vollständige Abhängigkeit von iranischem und Golf‑Öl hat Peking in eine verwundbare Position gebracht. Gleichzeitig flossen bis zuletzt etwa 90 % der iranischen Rohölexporte in chinesische Raffinerien – eine energiepolitische Einbahnstraße, die durch die US‑amerikanische Seeblockade direkt ins Visier genommen wurde.
Im kommenden Xi‑Trump‑Gipfel dürfte daher Öl das dominierende Thema hinter der diplomatischen Fassade von „Handelsgesprächen“ werden. Denn Washington hält den Seeweg kontrolliert, über den Chinas Lebensader fließt, während Peking auf jener Seite des globalen Tisches sitzt, die den Westen bei Hightech‑Metallen in der Hand hat.Die geopolitische Energieabhängigkeit und die metallische Gegenabhängigkeit bilden inzwischen zwei Seiten derselben Waffe.
Metalle als Gegengewicht zur Energie
Genau dort liefert sich die Welt derzeit einen stillen Rohstoffkrieg: China steuert nicht nur bspw. rund 80 % der globalen Wolfram‑Produktion und ‑Verarbeitung, sondern nutzt diese Dominanz zunehmend offensiv. Seit 2025 gelten Exportkontrollen für Dutzende Wolfram‑Produkte, die westliche Lieferketten empfindlich treffen. Wolfram ist aufgrund seines extrem hohen Schmelzpunkts (3.422°C) ein zentrales und unverzichtbares Metall für Rüstungsproduktion, Präzisionsfertigung und Hightech‑Legierungen – seine Knappheit treibt die Kosten für Verteidigungsprogramme und industrielle Zulieferer. Während Öl also zum geopolitischen Druckmittel der USA wird, setzt China mit Metallen und seltenen Erden den Gegenzug.
Für die Edelmetalle Gold und Silber ergibt sich daraus ein zweifacher Treiber: geopolitische Unsicherheit und strukturelle Rohstoffverknappung. Beide Faktoren stärken ihre Rolle als letzte, unpolitische Reserve in einer zunehmend politisierten Rohstoffwelt.
Gold – Erholung bis ca. 4.920 US-Dollar, dann nächster Rücksetzer

Seit dem neuen Gold-Allzeithoch von 5.602 US‑Dollar am 29. Januar befindet sich der Goldpreis in einer ausgesprochen volatilen und technisch anspruchsvollen Korrekturphase, die sich während des Iran‑Konflikts vorübergehend dramatisch verschärfte. In den vergangenen vier Wochen gelang dem Goldmarkt jedoch eine spürbare Erholung, die den Kurs allmählich wieder in stabileres Fahrwasser geführt hat.
Vom Paniktief zur beharrlichen Erholung
Nach mehreren erfolglosen Anläufen konnten die Bullen dabei vor zwei Wochen die erste entscheidende Hürde am 38,2 %-Retracement bei rund 4.600 US‑Dollar überwinden. Damit wurde weiteres Aufwärtspotenzial bis in den Bereich zwischen 4.900 und 5.100 US‑Dollar freigeschaltet.
Dennoch gestaltet sich der Anstieg bislang zäh: Das im Dezember und Januar dominierende, dynamisch‑bullische Temperament ist deutlich verblasst und hat einem verhaltenen, weniger nachhaltigen Umfeld Platz gemacht.Gleichwohl bleibt das übergeordnete Chartbild intakt – der langfristige Aufwärtstrend und damit der säkulare Bullenmarkt sind trotz Zwischenkorrektur ungefährdet.
Die Erholung und ihre Grenzen
Technisch betrachtet hat die Tages‑Stochastik inzwischen die überkaufte Zone erreicht. Zusammen mit der saisonal schwächeren Phase (ab April/Mai) spricht vieles für eine baldige Top‑Bildung und eine anschließende Korrekturwelle. Idealerweise könnte der Goldpreis zuvor noch an die 50‑Tagelinie bei 4.897 US‑Dollar, das 61,8 %-Retracement bei 4.915 US‑Dollar sowie das obere Bollinger‑Band um 4.917 US‑Dollar heranlaufen.
Auch die psychologisch bedeutende 5.000‑Dollar‑Schwelle strahlt eine gewissen Anziehungskraft aus. Ein nachhaltiger Ausbruch über 4.920 US-Dollar würde allerdings eine außergewöhnlich starke Marktverfassung erfordern, bei der die Bullen in deutlich überkauftem Zustand das obere Bollinger Band nachhaltig und über mehrere Tage lang nach oben aufbiegen müssten. Nicht auszuschließen, die Wahrscheinlichkeit dafür ist derzeit aber eher überschaubar.
Sollte die Iran‑Krise hingegen wieder aufflammen, könnte das fragile Vertrauensgefüge an den Finanzmärkten rasch erneut unter Druck geraten. Angesichts dieser globalen Unsicherheit und der vermutlich länger anhaltenden Verschnaufpause/Korrektur bei den Edelmetallen halten wir an einer erhöhten Liquiditätsquote fest und warten geduldig auf attraktivere Einstiegsniveaus. Historisch bringen die Monate Mai bis Juli häufig einen Rücksetzer, so dass sich im Früh- oder Hochsommer wieder eine günstige Kaufgelegenheit ergeben könnte.
Insgesamt behalten die Bullen oberhalb von 4.600 US‑Dollar die Kontrolle, darunter eröffnet sich Spielraum für Rücksetzer bis mindestens in den Bereich um 4.400 US‑Dollar. Außerdem erwarten wir einen weiteren Test der 200-Tagelinie (4.203 US-Dollar) sozusagen als zweites Standbein.
Unser absolutes Worst‑Case‑Szenario sieht im weiteren Jahresverlauf ein mögliches Korrektur-Tief bzw. die Trendwende im Bereich zwischen 3.400 und 3.600 US‑Dollar vor.
Wahrscheinlicher ist jedoch eine Korrektur über die Zeitachse, womit eine breite Seitwärtsbewegung zwischen 4.200 und 5.200 US-Dollar gemeint ist.
Fazit: Gold als letztes unpolitisches Geld in einer politisierten Rohstoffwelt
In einer Welt, in der Öl zur Waffe wird und „kritische Metalle“ bzw. „seltene Erden“ zu einem geopolitischen Gegengewicht werden, behalten Gold und Silber ihre einzigartige Rolle als die einzigen verlässlichen, unpolitischen Reserven. Sie bleiben die letzten echten Konstanten – unabhängig von Zentralbanken, Sanktionen und militärischen Konflikten. Während Nationen Rohstoffe zunehmend als Machtinstrument einsetzen und Lieferketten gezielt als Druckmittel nutzen, verkörpern die Edelmetalle das monetäre Gedächtnis einer Weltwirtschaft, die mittlerweile fast ausschließlich politisch gesteuert wird.
Jeder Rücksetzer ist daher kein Bruch, sondern eine Einladung: Liquidität zu sichern, Geduld zu wahren und auf jenen Moment zu warten, an dem fundamentaler Wert wieder sichtbar wird.
Die aktuelle Erholung des Goldpreises von 4.099 auf annähernd 4.900 US-Dollar zeigt einmal mehr diese fundamentale Stärke. Sie speist sich nicht primär aus charttechnischem Momentum, sondern aus der wachsenden Erkenntnis, dass die Weltwirtschaft in eine Phase struktureller Rohstoffknappheit und geopolitischer Fragmentierung eintritt. Sei es die Blockade der Straße von Hormus, chinesische Exportkontrollen bei Wolfram, fiskalische Verantwortungslosigkeit und geopolitische Arroganz in den USA oder die hohe Abhängigkeit Chinas von iranischem Öl: All diese Entwicklungen unterstreichen die Verwundbarkeit des „Papier-Systems“ und stärken die Nachfrage nach realen, physischen Wertspeichern.
Technisch befindet sich der Goldpreis in einer gesunden, aber notwendigen Verschnaufpause. Noch läuft die Erholungsbewegung auf den Panikausverkauf. Aber die überkaufte Stochastik, starke Widerstände zwischen 4.900 und 5.000 US-Dollar sowie die saisonal schwache Phase von Mai bis Juli sprechen für eine weitere Korrekturwelle. Diese sollte jedoch nicht als Schwäche missverstanden werden, sondern als gesunde Konsolidierung in einem intakten säkularen Bullenmarkt. Investoren mit Weitblick nutzen daher die aktuelle Phase, um Liquidität aufzubauen und auf deutlich attraktivere Einstiegsniveaus (idealerweise Richtung 4.400, 4.200 oder darunter) zu warten.
Wer Gold nicht nur als Spekulationsobjekt, sondern als strategische Absicherung versteht, dem bietet die aktuelle Lage eine seltene Gelegenheit. Nicht der schnelle Gewinn, sondern die geduldige Positionierung in einem Umfeld zunehmender Systemrisiken wird sich auszahlen. Gold ist kein Momentum-Trade mehr – es ist das finale Sicherheitsnetz in einer Welt, die ihre eigenen Abhängigkeiten als Waffen entdeckt hat.
Wer jetzt die Nerven und die Liquidität behält, wird in den kommenden Monaten sehr wahrscheinlich zu Konditionen kaufen können, die langfristig außergewöhnlich attraktiv sind.