EU jagt kritische Rohstoffe: Australien soll Europas China-Abhängigkeit brechen

Die EU und Australien arbeiten an einem Deal. Es geht um kritische Rohstoffe

Die Europäische Union richtet ihren Blick zunehmend auf Australien, um sich Zugang zu kritischen Rohstoffen zu sichern und die Abhängigkeit von China zu verringern. Hintergrund sind die Lieferkettenprobleme dieses Jahres, in denen China als dominanter Produzent Exportbeschränkungen als Druckmittel im Handelskonflikt mit den USA eingesetzt hat. Vor diesem Kontext skizzierte EU-Kommissionsvize Maroš Šefčovič nun, wie Europa künftig stärker in australische Projekte für kritische Rohstoffe investieren will – von Beteiligungen über langfristige Abnahmeverträge bis hin zu gemeinsamen Infrastrukturvorhaben.

Šefčovič machte deutlich, dass es der EU längst nicht mehr nur um Handel im klassischen Sinne geht. Vielmehr sollen gezielte Kapitalzusagen und verbindliche Liefervereinbarungen die Versorgung mit kritischen Rohstoffen langfristig absichern. Für Brüssel ist Australien dabei ein Schlüsselpartner, der über große Vorkommen und stabile politische Rahmenbedingungen verfügt und seine Rolle als Lieferant strategisch wichtiger Rohstoffe ausbauen möchte.

Kritische Rohstoffe: Europa sucht Ausweg aus alten Abhängigkeiten

Die Diskussion um kritische Rohstoffe hat in Europa deutlich an Schärfe gewonnen. Zu Beginn stand vor allem die Energieversorgung im Mittelpunkt: Die starke Abhängigkeit von russischem Öl und Gas führte nach Kriegsbeginn in der Ukraine und den darauffolgenden Sanktionen zu einem kostspieligen und überstürzten Umbau der Energieströme. Šefčovič erinnerte daran, wie teuer Europa diese einseitige Abhängigkeit letztlich zu stehen kam, als alternative Lieferanten in kurzer Zeit gefunden werden mussten.

Heute wiederholt sich das Muster in anderen Bereichen. Bei Halbleitern, Batteriematerialien und einer Reihe seltener Metalle ist Europa erneut stark auf Importe aus wenigen Ländern angewiesen. China spielt dabei eine zentrale Rolle, sei es bei seltenen Erden, bei einzelnen Batterierohstoffen oder in der Weiterverarbeitung. Wenn Peking Exportkontrollen verschärft oder neue Genehmigungspflichten einführt, trifft dies nicht nur die USA, sondern indirekt auch europäische Industrien.

Kritische Rohstoffe sind dabei mehr als ein Schlagwort. Es geht um Materialien, die für Schlüsseltechnologien wie Elektromobilität, erneuerbare Energien, digitale Infrastruktur oder Rüstung unverzichtbar sind. Ihre Verfügbarkeit entscheidet mit darüber, ob industrielle Wertschöpfungsketten stabil bleiben oder ins Stocken geraten. Die EU versucht deshalb, aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre zu lernen und neue Abhängigkeiten frühzeitig zu begrenzen.

Australien als strategischer Partner für kritische Rohstoffe

Australien rückt in dieser Strategie als verlässlicher Lieferant von kritischen Rohstoffen ins Zentrum. Das Land verfügt über bedeutende Vorkommen, etwa bei Lithium, seltenen Erden, Graphit und anderen Rohstoffen, die für Batterien, Hochtechnologie und Energiewende benötigt werden. Gleichzeitig gilt Australien als politisch stabiler und rechtssicherer Investitionsstandort, der seine Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Partnern ausbauen möchte.

Šefčovič skizzierte mehrere mögliche Finanzierungswege. An erster Stelle stehen Eigenkapitalbeteiligungen an Rohstoffprojekten, über die europäische Partner direkt am Ausbau von Minen und Verarbeitungsanlagen in Australien mitwirken. Daneben sind langfristige Abnahmeverträge im Gespräch, bei denen europäische Unternehmen oder öffentliche Institutionen sich Liefermengen über viele Jahre sichern und im Gegenzug frühzeitig Kapital bereitstellen. Denkbar sind auch gemeinsame Investitionen, bei denen europäische und australische Partner Infrastruktur oder Anlagen zusammen finanzieren und nutzen.

Eine zentrale Rolle könnte hierbei die Europäische Investitionsbank übernehmen. Die EIB hat gerade erst vereinbart, ihre Kooperation mit Australien im Bereich kritischer Rohstoffe zu vertiefen. Sie könnte ebenso wie nationale Förderbanken und Entwicklungsinstitute Kapital bereitstellen, um Projekte im Bergbau und in der Weiterverarbeitung anzuschieben. Ergänzend kommen Industrieunternehmen in Betracht, die durch Vorauszahlungen oder Beteiligungen ihre Versorgung mit kritischen Rohstoffen langfristig verankern wollen.

Japan als Vorbild und die Chance auf ein EU-Australien-Freihandelsabkommen

Für Šefčovič ist Japan ein Referenzmodell, wie eine solche Rohstoffstrategie aussehen kann. Tokio investiert seit Jahren gezielt in Minen und Raffinerien in Partnerländern, um die eigene Industrie auch in Krisenzeiten mit kritischen Rohstoffen versorgen zu können. Die EU strebt nun einen ähnlichen Ansatz an: weg von einer rein marktbasierten Beschaffungspolitik hin zu strategischen Beteiligungen entlang der Wertschöpfungskette.

Vor diesem Hintergrund gewinnt auch das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und Australien neue Bedeutung. Ein erster Anlauf war 2023 gescheitert, vor allem an Differenzen in der Agrarpolitik, da Canberra mehr Zugang für landwirtschaftliche Produkte zum europäischen Markt forderte. Inzwischen sieht Šefčovič jedoch wieder „Momentum“ für neue Gespräche. Er erwartet, dass die Verhandlungen Anfang kommenden Jahres fortgesetzt werden.

Ein Handelsabkommen könnte Zölle senken, Investitionsschutz verbessern und den Rahmen für langfristige Partnerschaften bei kritischen Rohstoffen klarer definieren. Für europäische Unternehmen wäre es einfacher, Kapital in australische Projekte zu lenken, während Australien im Gegenzug bevorzugten Zugang zum EU-Markt erhielte. Die politischen Signale deuten darauf hin, dass beide Seiten ein strategisches Interesse an einer Annäherung haben, nicht zuletzt mit Blick auf die Rolle Chinas im globalen Rohstoffsystem.

Kritische Rohstoffe als Prüfstein für Europas Industriepolitik

Die Debatte um kritische Rohstoffe ist zugleich ein Testfall für die künftige Industrie- und Handelspolitik der EU. Šefčovič machte deutlich, dass Europa nicht erneut in die Situation geraten wolle, binnen kürzester Zeit kostspielige Ersatzlösungen organisieren zu müssen, wie es bei Öl und Gas der Fall war. Der Druck durch Exportbeschränkungen, Lieferkettenrisiken und geopolitische Spannungen zwingt die EU, ihre bisherige Rolle als überwiegend passiver Marktteilnehmer zu überdenken.

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