Bis zu 150 Tonnen Gold im Tresor!
Die Investmentnachfrage bleibt ein entscheidender Treiber im Goldmarkt – und sie verlagert sich nach Einschätzung von Analysten zunehmend in digitale Kanäle. Während goldgedeckte ETFs (Exchange Traded Funds) seit Jahren als klassisches Vehikel für Anleger gelten, gewinnt ein anderer Mechanismus spürbar an Bedeutung: digital ausgegebene, goldgedeckte Token. Besonders im Blick steht dabei Tether, der weltweit führende Stablecoin-Anbieter. Dessen goldgedeckter Token, Tether Gold (XAU₮), sorgt seit der Veröffentlichung offizieller Goldbestände des Unternehmens im vergangenen Monat für verstärkte Aufmerksamkeit.
Analystenschätzungen zufolge hält Tether inzwischen zwischen 125 und 150 Tonnen Gold. Damit, so die Einordnung von Jefferies, gehöre das Unternehmen zu den größten nichtstaatlichen Käufern von physischem Gold. Der Trend ist bemerkenswert, weil er zeigt, dass sich Gold als Reserve- und Sicherungsinstrument nicht nur in Zentralbankbilanzen oder ETF-Tresoren, sondern auch im Umfeld digitaler Vermögenswerte etablieren kann.
Tether als großer Goldhalter: Reserven und Pläne für höhere Goldquote
In einer aktuellen Einschätzung ordneten die Jefferies-Analysten die Dimension ein. Demzufolge sei Tether der größte nicht-souveräne Käufer von physischem Gold und rangiere inzwischen unter den 30 größten Goldhaltern weltweit und damit vor mehreren Staaten! Für den Markt ist das vor allem deshalb relevant, weil es die Rolle von Unternehmen als potenziellen, strukturelle Nachfrager im Goldsegment unterstreicht.
Wichtig ist dabei: Tethers Goldengagement beschränkt sich nicht auf den goldgedeckten Token XAU₮. Nach Angaben aus Analystenkreisen nutzt das Unternehmen Gold auch als Reservebestandteil zur Absicherung seines an den US-Dollar gekoppelten Stablecoins. Rund 7% der gesamten Reserven sollen demnach in Gold gehalten werden. Das verweist auf ein breiteres Motiv: Gold wird nicht nur als „Investmentprodukt“ betrachtet, sondern auch als Stabilitätsbaustein innerhalb eines Reserveportfolios.
Zusätzliche Dynamik kommt durch die mittelfristigen Pläne des Managements ins Bild. Tether-CEO Paolo Ardoino erklärte im vergangenen Monat, das Unternehmen wolle den Goldanteil im Portfolio perspektivisch auf 10% bis 15% erhöhen. Sollte Tether diese Zielspanne tatsächlich ansteuern, könnte das die strukturelle Nachfrage nach physischem Gold weiter erhöhen – zumindest in dem Umfang, wie die Reserven des Unternehmens wachsen und die geplante Allokation umgesetzt wird.
XAU₮ versus Gold-ETFs: Digitale Zuflüsse werden sichtbar
Wie stark XAU₮ inzwischen wahrgenommen wird, zeigt auch ein Vergleich, den Analysten der französischen Bank Société Générale ziehen. Demnach würden die XAU₮-Bestände – gemessen an der gehaltenen Goldmenge – einem der größten Gold-ETFs der Welt entsprechen, obwohl XAU₮ formal kein ETF ist, sondern ein digitaler Token eines Emittenten.
Noch auffälliger ist laut Société Générale die Entwicklung der Zuflüsse: Im Dezember seien die Nettozuflüsse in XAU₮ ihrer Analyse nach die zweithöchsten unter allen globalen Gold-ETFs gewesen – übertroffen nur von SPDR Gold Shares (GLD), dem weltweit größten goldgedeckten ETF. Dass ein digitaler Goldtoken in dieser Betrachtung mit den etablierten ETF-Strukturen konkurriert, markiert aus Sicht vieler Marktbeobachter eine Verschiebung der Nachfragemuster: Ein Teil der Investmentnachfrage findet offenbar außerhalb der klassischen ETF-Schiene statt.
Société Générale betont zudem, dass diese Flüsse zeitweise sogar das kurzfristige Marktverhalten mitprägten. In der letzten Januarwoche hätten Tethers Zuflüsse eine dominante Rolle gespielt – insbesondere im Vergleich zu den ETF-Strömen. Gleichzeitig relativieren die Analysten die Aussage: In Summe hätten Hedgefonds mit ihren Positionierungen weiterhin stärker auf die Preisbildung eingewirkt als Tether oder ETFs.
Ein konkretes Detail aus der Analyse verdeutlicht das Zusammenspiel aus Volatilität und Nachfrage: Nach dem deutlichen Preisrückgang am Freitag, dem 30. Januar 2026, habe Tether laut Société Générale weitere 11 Tonnen Gold hinzugefügt – sinngemäß ein „Kaufen in die Schwäche hinein“. Die Bank stellt dabei heraus, dass diese Zukäufe die ETF-Flüsse übertrafen, im Gesamtbild aber weiterhin hinter dem Einfluss der Hedgefonds zurückblieben.
Was das für den Goldmarkt bedeutet
Die beschriebenen Entwicklungen sind vor allem deshalb interessant, weil sie den Goldmarkt aus einer neuen Perspektive zeigen: Investmentnachfrage entsteht nicht mehr ausschließlich über klassische Produkte wie Münzen, Barren oder ETFs, sondern zunehmend auch über digitale Strukturen. XAU₮ fungiert dabei als Brücke zwischen der Welt tokenisierter Vermögenswerte und physisch hinterlegtem Gold.
Für die Marktmechanik kann das mehrere Konsequenzen haben – ohne dass daraus automatisch eine Aussage über die künftige Preisrichtung abgeleitet werden muss. Erstens wird sichtbar, dass große Emittenten wie Tether Gold nicht nur als „Anbieter“ auftreten, sondern über ihre Reservestruktur selbst zu relevanten Akteuren auf der Nachfrageseite werden können. Zweitens zeigt der Vergleich mit ETF-Flüssen, dass sich Kapitalströme in Phasen erhöhter Aufmerksamkeit schneller verlagern können – etwa dann, wenn digitale Produkte einen besonderen Zugang zu bestimmten Investorengruppen bieten.
Gleichzeitig bleibt der Hinweis der Analysten wichtig: Auch wenn Tether und XAU₮ zeitweise eine auffällige Rolle spielen, dominieren in vielen Phasen weiterhin klassische Marktkräfte wie das Positionierungsverhalten großer spekulativer Akteure. Der Goldmarkt wird damit nicht „digital ersetzt“, sondern um eine zusätzliche, dynamische Ebene erweitert.
Unterm Strich dokumentiert das Update der Analysten vor allem eines: Tether ist mit seinem Goldengagement im physischen Markt und über Tether Gold (XAU₮) in einer Größenordnung angekommen, die im Goldökosystem nicht mehr ignoriert wird – und die Debatte über Investmentnachfrage in der digitalen Landschaft spürbar prägt.