Der Silberpreis hat sich nach einem heftigen Rückschlag zu Monatsbeginn wieder gefangen – doch von einer neuen Rally kann vorerst keine Rede sein. Stattdessen bewegt sich das Metall in einer breiten, nervösen Handelsspanne und ringt darum, eine tragfähige Bodenformation auszubilden.
Zuletzt zeigte sich besonders der indische Markt als guter Indikator für diese fragile Stabilisierung: Dort pendelte der Silberpreis im Zeitraum vom 5. bis 9. Februar im Bereich von rund 275 bis 300 INR je Gramm, nachdem die Notierungen Anfang Februar deutlich unter wichtige Unterstützungszonen gefallen waren. Diese Phase wird von Marktbeobachtern als „Beruhigung nach dem Schock“ gewertet – allerdings auf einem Niveau, das im historischen Vergleich weiterhin außergewöhnlich hoch ist.
Vom Höhenflug in die harte Landung
Noch Ende Januar hatte Silber von der allgemeinen Edelmetall‑Euphorie und einer Welle spekulativer Zuflüsse profitiert. In kurzer Zeit waren die Kurse in Richtung der 120‑Dollar‑Zone je Unze geschossen, bevor Gewinnmitnahmen, Margin Calls und der Abbau überdehnter Long‑Positionen zu einem abrupten Richtungswechsel führten. Aus charttechnischer Sicht wurden dabei gleich mehrere kurz- und mittelfristige Unterstützungen verletzt, was den Abwärtsdruck zusätzlich verstärkte.
Das Bild hat sich seither etwas beruhigt: Die Preisspanne von etwa 275–300 INR je Gramm auf dem wichtigen indischen Referenzmarkt deutet auf den Versuch einer Bodenbildung hin. Dennoch bleibt die Schwankungsbreite hoch – ein klares Zeichen dafür, dass der Markt noch keine neue Gleichgewichtslage gefunden hat und jeder Informationsimpuls zu deutlichen Ausschlägen führen kann.
Futures-Markt: Price-Discovery nach der Übertreibung
Ein zusätzlicher Blick auf den Terminmarkt unterstreicht diese Phase der Neuorientierung. Der März‑Kontrakt an der CME handelt um den 9. Februar herum wieder im Bereich von gut 81 USD je Unze, nachdem die Notierungen in den Tagen zuvor extrem volatile Intraday‑Spannen aufgewiesen hatten. Solche Muster gelten als typisch für eine „Price‑Discovery‑Phase“: Marktteilnehmer testen, auf welchem Niveau sich ein neues Gleichgewicht zwischen Käufern und Verkäufern einpendeln kann.
Charakteristisch dabei ist, dass sowohl Bullen als auch Bären immer wieder kurzzeitig die Oberhand gewinnen, bevor Gegenbewegungen einsetzen. Für Trader bedeutet das attraktive kurzfristige Chancen – für weniger aktive Marktteilnehmer aber auch ein erhöhtes Risiko, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Aus Sicht einer mittel- bis langfristigen Perspektive steht im Vordergrund, ob sich der Silberpreis nachhaltig oberhalb der aktuellen Zone halten kann oder ob eine zweite Korrekturwelle droht.
Silberpreis im Spannungsfeld
Fundamental bleibt Silber ein Sonderfall unter den Edelmetallen: Es ist zugleich Industriemetall und Krisenwährung. Ein wesentlicher Teil der Nachfrage stammt aus Photovoltaik, Elektronik, Elektromobilität und weiteren Hightech‑Segmenten, in denen die Energiewende und die fortschreitende Digitalisierung strukturellen Rückenwind liefern. Auf der anderen Seite sorgen ETF‑Ströme, Derivate‑Positionierungen und kurzfristig agierende Marktteilnehmer immer wieder für Übertreibungen – nach oben wie nach unten.
Die jüngste Crash‑Korrektur zeigt exemplarisch, wie schnell sich das Kräfteverhältnis verschieben kann: Steigt die Risikoaversion, ziehen Investoren Gelder abrupt aus riskanteren Trades ab, während physische Abnehmer in der Industrie oft nur zeitverzögert reagieren. In Phasen wie jetzt wird besonders deutlich, dass der Silberpreis nicht nur von klassischen Angebots‑/Nachfragedaten abhängt, sondern in hohem Maß von der Positionierung am Finanzmarkt geprägt wird.
Was bedeutet das für Anleger?
Für GOLDINVEST‑Leser bleibt Silber damit einer der spekulativsten Rohstoff‑Trades 2026. Die aktuelle Seitwärtsphase in der Nähe der 80‑Dollar‑Marke kann sowohl als notwendige Verschnaufpause nach der vorangegangenen Rallye als auch als Zwischenschritt in einem größeren Korrekturprozess interpretiert werden. Ob aus der Bodenbildung ein neuer Aufwärtsimpuls entsteht oder eine länger anhaltende Seitwärts- bis Abwärtsphase folgt, hängt von mehreren Faktoren ab – unter anderem von Konjunktursignalen, Inflationsdaten, der Zinsdebatte und der weiteren Entwicklung der Industrienachfrage.