Seltene Erden stehen so stark im Fokus wie selten zuvor: Laut einer neuen Analyse der Beratungsgesellschaft Wood Mackenzie zählen die strategischen Metalle inzwischen zu den wichtigsten Trends im globalen Energie- und Minensektor. Während China weiterhin mehr als 80 % der Verarbeitung und den Großteil der Hochleistungsmagnete kontrolliert, treiben USA, Europa, Kanada und Japan neue Lieferketten und Projekte für Seltene Erden außerhalb der Volksrepublik voran.
Seltene Erden als Hebel in Handels- und Sicherheitspolitik
Ausgangspunkt der jüngsten Dynamik waren verschärfte Exportkontrollen aus Peking. China führte im April 2025 zusätzliche Genehmigungspflichten für ausgewählte Seltene Erden und Magnetprodukte ein. Diese Maßnahmen verdeutlichten, wie stark der Westen von chinesischen Lieferketten abhängt – und beschleunigten die politische Reaktion.
Wood Mackenzie sieht Seltene Erden heute im Kern der Energie- und Technologiesicherheit. Die Metalle der Lanthanoid-Reihe sowie Scandium und Yttrium seien unverzichtbar für Elektromotoren in Elektrofahrzeugen, Permanentmagnete in Windturbinen, Elektronik, Robotik und zahlreiche Verteidigungssysteme, so die Experten.
Die Experten sprechen von einem „außergewöhnlichen Hebel“ der Seltenen Erden in Handelsverhandlungen. Chinas Dominanz bei Raffination und Magnetmaterialien verschaffe Peking wachsenden geopolitischen Einfluss – und zwinge andere Staaten, resiliente, nicht-chinesische Lieferketten aufzubauen.
Was wiederum die deutliche Zunahme von Abnahmeverträgen, Regierungsabkommen und G7-Initiativen in den Jahren 2024 und 2025 erklärt. Seltene Erden gelten nicht länger als Nische, sondern als zentraler Bestandteil der Strategie für Energiewende und Industriepolitik.
USA, Kanada und Europa: Diplomatie für Seltene Erden
Die USA haben sich an die Spitze der diplomatischen Bemühungen um Seltene Erden gestellt. Bereits 2024 unterzeichnete Washington ein Memorandum zu kritischen Mineralien mit Norwegen. 2025 folgten ein G7-Aktionsplan, eine G7-Allianz zur Koordination von Investitionen und langfristigen Abnahmevereinbarungen sowie ein Rahmenabkommen mit Japan zu Bergbau und Verarbeitung.
Ein weiteres Abkommen – der Trump–Takaichi-Pakt – umfasst neben Seltenen Erden auch Lithium, Kobalt und Nickel. Zusätzlich schlossen die USA ein Memorandum mit Malaysia zu Handel, Investitionen und Recycling und definierten Australien als Schlüsselpartner beim Ziel, Chinas Dominanz im REE-Sektor zu reduzieren.
Ironischerweise waren die Vereinigten Staaten bis ins späte 20. Jahrhundert selbst führender Produzent von Seltenen Erden. Heute tritt Washington in Verhandlungen mit einem deutlichen strukturellen Nachteil an, weil große Teile der Wertschöpfungskette nach Asien verlagert wurden.
Kanada positioniert sich parallel als demokratischer Lieferant von Seltenen Erden und anderen kritischen Rohstoffen. Ottawa und Berlin zum Beispiel haben im August eine Erklärung zur Vertiefung der Zusammenarbeit bei kritischen Mineralien unterzeichnet. Ein weiteres Konzept sieht einen Rahmen zwischen Kanada, Japan und Südkorea vor, in dem die Versorgung mit Seltenen Erden eng mit sicherheitsrelevanten Technologien verknüpft wird.
Europa integriert Seltene Erden in ein breiteres Netzwerk von Partnerschaften zu kritischen Rohstoffen. Abkommen mit Kanada, Norwegen, Argentinien, der DR Kongo, Namibia, Kasachstan und Australien sollen der EU bevorzugten Zugang zu Konzentraten und getrennten Oxiden verschaffen. Einige afrikanische Vereinbarungen beinhalten zudem Passagen zur lokalen Verarbeitung, auch wenn die Umsetzung bislang nur schrittweise erfolgt.
Japan ergänzt diese Aktivitäten mit eigenen Vereinbarungen, etwa über die staatliche Rohstoffagentur JOGMEC, die mit Namibia Critical Metals am schwer-Seltenen-Erden-Projekt Lofdal kooperiert.
Projekte, Abnahmeabkommen und Recycling: Neue Angebote für Seltene Erden
Parallel zur politischen Ebene haben sich 2024 und 2025 die konkreten Projekt- und Lieferbeziehungen für Seltene Erden weiter verdichtet. In Australien und Nordamerika rückt der Aufbau kompletter Wertschöpfungsketten in den Fokus: ABx Group und Ucore Rare Metals (WKN A2QJQ4 / TSXV UCU) etwa unterzeichneten eine Absichtserklärung für eine gemeinsame Australien–USA-Lieferkette. Iluka Resources und Tronox erweitern mit Unterstützung von Exportkreditagenturen ihre Verarbeitungskapazitäten.
Arafura Rare Earths treibt das Nolans-Projekt voran, das nach Inbetriebnahme rund 4 % des globalen Angebots an Seltenen Erden liefern soll. In Brasilien sicherte sich Serra Verde ein US-Entwicklungsdarlehen über 465 Mio. US-Dollar und richtet künftige Lieferungen zunehmend auf westliche und asiatische Abnehmer aus, während zusätzliche Trennkapazitäten aufgebaut werden.
Auch das Recycling von Seltenen Erden gewinnt an Bedeutung. Das kanadische Unternehmen Cyclic Materials hat mit Solvay eine Abnahmevereinbarung geschlossen, nach der recycelte Mischoxide aus Kingston (Ontario) nach Frankreich geliefert werden. Ein angekündigtes Forschungszentrum mit einem Volumen von 25 Mio. US-Dollar soll eine zirkuläre Versorgung der europäischen Magnetindustrie mit recycelten Seltenen Erden unterstützen.
In der Projektpipeline spiegelt sich der strategische Bedeutungszuwachs ebenfalls wider: Regierungen und Industrie finanzieren Minen und Raffinerien zunehmend direkt. Gefördert werden unter anderem Lynas Rare Earths, Iluka, MP Materials und die Saskatchewan Research Council, die gemeinsam Kapazitäten von der Mine bis zum Magneten außerhalb Chinas aufbauen.
Zugleich verändern sich die Vertragsbedingungen für Seltene Erden. Westliche Abnehmer sind bereit, Preisaufschläge für nicht-chinesisches Material zu akzeptieren und schließen langfristige Abnahmeabkommen mit Preisuntergrenzen und Take-or-Pay-Klauseln. Projekte wie die Solvay-Erweiterung in Frankreich und die SRC–ReAlloys-Vereinbarung in Kanada zeigen, wie politische Leitlinien inzwischen in konkrete Handelsströme für primäre und recycelte Seltene Erden münden.
Fazit: Seltene Erden bleiben strategischer Schlüsselrohstoff
Für den Rohstoffsektor ist klar: Seltene Erden haben ihren Nischenstatus endgültig abgelegt. Sie sind zu einem strategischen Schlüsselrohstoff für Energiewende, Hochtechnologie und Verteidigung geworden – und damit zu einem zentralen Faktor in der Neuordnung globaler Lieferketten.
Ob die Vielzahl neuer Projekte und Partnerschaften ausreicht, um Chinas dominante Stellung bei Seltenen Erden spürbar zu verringern, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Sicher ist jedoch, dass der Wettbewerb um sichere, diversifizierte und politisch stabile Bezugsquellen für Seltene Erden ein Kernthema der internationalen Rohstoffmärkte bleiben dürfte – mit direkten Auswirkungen auf Projektfinanzierung, Vertragsstrukturen und die Bewertung entsprechender Unternehmen.