Der Silbermarkt startete 2026 mit außergewöhnlicher Dynamik – und mit einer Frage, die selbst große Research-Häuser nur vorsichtig beantworten: Wie hoch kann der Silberpreis in diesem Umfeld tatsächlich steigen? Analysten von J.P. Morgan beschreiben in einer aktuellen Analyse ein Bild, das gleichzeitig nach stabilerer Basis und nach anhaltender Unsicherheit klingt. Demnach arbeitet sich Silber zwar an einen „höheren Boden“ heran, doch die „Decke“ bleibe unklar, weil sich Chancen und Risiken für die Preisbildung ungewöhnlich dicht überlagern.
Auffällig ist dabei, dass Silber 2026 stärker versucht, aus dem Schatten von Gold herauszutreten. Die Analysten verweisen auf extreme Schwankungen zu Jahresbeginn, in denen Silber zeitweise – gemessen an der Netto-Preissteigerung – sogar stärker zulegen konnte als Gold. Gleichzeitig bleibt das Verhältnis zwischen Gold- und Silberpreis ein wichtiger Taktgeber: In früheren Phasen sei das Gold-Silber-Verhältnis zeitweise über 100:1 gestiegen, aktuell liege es jedoch so nahe an den niedrigeren Niveaus wie seit rund 15 Jahren nicht mehr. Für Marktbeobachter ist das ein Signal, dass sich die Kräfteverhältnisse zwischen beiden Edelmetallen zumindest vorübergehend verschoben haben.
Silberpreis 2026: Höherer Boden, unklare Obergrenze
Die Kernthese von J.P. Morgan: Silber findet 2026 zwar zunehmend Halt, doch die Spanne möglicher Preiswege bleibt groß. Anders als Gold verfügt Silber nicht über eine vergleichbar breite und stetige Käuferbasis. Während Gold auch von Zentralbanken als Reserve- und Diversifikationsinstrument gekauft wird, fehlt Silber dieser strukturelle „Dip-Buyer“ im Hintergrund. Genau das, so die Analysten, mache einen „fairen“ Silberpreis schwerer zu bestimmen – und erhöht die Gefahr, dass sich das Gold-Silber-Verhältnis bei neuen Stressphasen wieder nach oben bewegt.
Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach Silber in mehreren Regionen ein entscheidender Faktor. Besonders die Rolle von Investmentnachfrage – unter anderem aus China und India – wird als kurzfristig wichtiger Preistreiber genannt. Wenn sich die Nachfrage spürbar verstärkt oder abschwächt, kann sie die Preisbildung rasch beeinflussen. Das gilt umso mehr in einem Markt, der bereits durch starke Volatilität geprägt ist.
Was die jüngsten Kurssprünge auslöste: Zölle und Fed-Personalie
Einen großen Teil der Bewegungen ordnet J.P. Morgan politischen und währungspolitischen Impulsen zu. In den vergangenen Monaten hatte das United States Department of Commerce eine Überprüfung kritischer Rohstoffe nach „Section 232“ durchgeführt – einer Regel, die unter bestimmten Umständen Handelsbeschränkungen aus Gründen der nationalen Sicherheit ermöglicht. Diese Phase der Unsicherheit endete laut Analyse Mitte Januar, als Donald Trump zunächst auf neue Zölle auf Importe kritischer Rohstoffe – inklusive Silber – verzichtete und stattdessen bilaterale Vereinbarungen zur Versorgungssicherung anstrebte. Der Silberpreis reagierte dem Bericht zufolge erst mit einem Rücksetzer und anschließend mit einer Erholung.
Der nächste markante Impuls kam am 30. Januar: Mit der Ankündigung, Kevin Warsh als nächsten Chef der Federal Reserve nominieren zu wollen, setzte laut den Analysten eine heftige Abwärtsbewegung ein. Silber sei an diesem Tag um 27% eingebrochen, begleitet von einem 10%-Rückgang beim Goldpreis. Für den Markt war das ein Beispiel dafür, wie stark Personalien und Erwartungen an Geldpolitik bzw. den United States-Dollar selbst Edelmetalle kurzfristig treiben können.
Industrie-Nachfrage als Stärke – und als Risikofaktor
Trotz dieser kurzfristigen Impulse sehen die Autoren mehrere strukturelle Faktoren, die das Angebot begrenzen könnten. Ein Punkt: Silber wird häufig als Nebenprodukt anderer Metalle gewonnen. Dadurch ist die Produktion weniger flexibel und reagiert nicht automatisch schnell mit mehr Angebot, nur weil der Silberpreis steigt. Gleichzeitig bleibt Silber ein Industriemetall: Laut J.P. Morgan entfallen rund 60% der Gesamtnachfrage (ohne ETF-Flüsse) auf industrielle Anwendungen, etwa in der Solarindustrie, wo Silberpaste in Modulen zur Stromleitung genutzt wird.
Genau hier liegt allerdings auch das zentrale Risiko, das J.P. Morgan, betont: Hohe Silberpreise könnten Hersteller dazu bewegen, den Silberanteil pro Solarzelle weiter zu reduzieren oder langfristig auf silberfreie Technologien umzusteigen – genannt wird beispielhaft Cadmium-Tellurid-Dünnschichttechnologie. Der Analyst spricht davon, dass die jüngste Rallye bereits einen „Beschleuniger“ für Substitution und Sparmaßnahmen („thrifting“) in Gang setzen könnte, was die Silberbilanzen in den kommenden Quartalen beeinflusst. Zugleich räumt er ein: Solche Umstellungen benötigen Zeit und dürften eher über Jahre wirken. Kurzfristig bleibe deshalb die Investmentnachfrage der wichtigste Preistreiber.
Zum Schluss liefert J.P. Morgan eine konkrete Marke für den Erwartungsrahmen: Für 2026 wird ein durchschnittlicher Silberpreis von 81 US-Dollar je Unze prognostiziert, wobei das vierte Quartal mit 85 US-Dollar den höchsten Quartalsdurchschnitt erreichen soll. Für 2027 erwartet das Haus im Mittel 85 US-Dollar je Unze. Unterm Strich: Silber könnte 2026 auf einem höheren Niveau „einrasten“ – doch wie weit die nächste Etappe trägt, hängt laut der Studie stärker als bei Gold von Stimmung, Positionierung und der globalen Nachfrageentwicklung ab.
