Der Goldpreis hat am Freitag trotz eines juristisch und politisch bedeutsamen Urteils aus den USA nur kurz gezuckt – und anschließend seinen Aufwärtstrend praktisch unverändert fortgesetzt. Aktuell kostet eine Unze des gelben Metalls bereits deutlich mehr als 5.100 USD!
Hintergrund: Der U.S. Supreme Court kippte zentrale, von US-Präsident Donald Trump unter Berufung auf ein Notstandsgesetz verhängte Importzölle. Marktbeobachter hatten zwar erwartet, dass damit ein großer Unsicherheitsfaktor aus dem Markt genommen wird – doch am Ende dominierte beim Goldpreis weiterhin das bereits zuvor wirksame Gemisch aus Zinsfantasie, Risikoabsicherung und geopolitischer Nervosität.
Goldpreis ignoriert das Zoll-Urteil nach kurzem Rücksetzer
Der unmittelbare Effekt an den Märkten fiel laut Beobachtern überraschend überschaubar aus: Nach einem kurzen Dip setzte der Goldpreis seine Bewegung nach oben fort und erreichte im Tagesverlauf neue Hochs – nahezu entlang der gleichen „Flugbahn“ wie vor der Entscheidung.
Als Erklärung wird vor allem genannt, dass das Urteil in wichtigen Teilen bereits eingepreist gewesen sein könnte. Bolvin Wealth Management Group-Präsidentin Gina Bolvin sagte gegenüber Kitco News, die Reaktion sei „gedämpft“ gewesen – ein Hinweis darauf, dass viele Marktteilnehmer mit einem solchen Ausgang gerechnet hätten. Zudem sei der direkte ökonomische Effekt begrenzt, weil die unter dem betroffenen Gesetz verhängten Zölle nur einen Teil der gesamten Zollarchitektur ausmachten. Das nehme dem Urteil etwas von seiner Sprengkraft – und lässt den Blick der Investoren schnell wieder auf andere Preistreiber für den Goldpreis wandern: Inflationserwartungen, mögliche Zinssenkungen und politische Risiken.
U.S. Supreme Court beschneidet IEEPA – doch das Zollthema bleibt politisch
In der Sache fiel die Entscheidung mit 6:3 Stimmen. Verfasser der Mehrheitsmeinung war der konservative Chief Justice John Roberts. Kernpunkt: Das „International Emergency Economic Powers Act“ (IEEPA) von 1977 ermächtige den Präsidenten zwar, Importe zu „regulieren“, umfasse aber nicht die Befugnis, Zölle zu verhängen. Roberts betonte, für einen so weitreichenden Schritt brauche es eine klare Ermächtigung durch den Kongress – und die sei hier nicht gegeben.
Die Gegenposition kam aus dem Lager der konservativen Minderheit: Brett Kavanaugh verfasste die abweichende Meinung, unterstützt von Clarence Thomas und Samuel Alito. Kavanaugh argumentierte, das Urteil müsse nicht zwangsläufig bedeuten, dass ähnliche Zölle künftig unmöglich seien – sie könnten unter anderen gesetzlichen Grundlagen erneut versucht werden. Genau dieser Punkt erklärt, warum das Thema an den Märkten nicht „abgeräumt“ wurde: Beobachter und Experten rechnen damit, dass die US-Regierung rasch nach Ersatzwegen sucht, um Zölle in veränderter Form wieder auf den Weg zu bringen. Für den Goldpreis bedeutet das: Unsicherheit bleibt.
Gleichzeitig verknüpfen Marktteilnehmer die Entscheidung mit der Zinsperspektive. Fällt der zollbedingte Inflationsdruck geringer aus, steigen – je nach Datentrend – die Chancen auf frühere oder kräftigere Zinssenkungen. Auch dieser Mechanismus kann den Goldpreis stützen, weil niedrigere Realzinsen tendenziell die Attraktivität zinsloser Anlagen wie Gold erhöhen.
Iran-Spannungen als zusätzlicher Hebel für den Goldpreis
Neben Handelspolitik und Zinsen bleibt die Geopolitik ein zentraler Faktor – und hier rückt derzeit vor allem ein mögliches Eingreifen der USA im Iran in den Fokus. In den vergangenen Tagen berichteten mehrere Quellen über eine erhöhte militärische Bereitschaft und zugleich über diplomatische Initiativen, die eine Eskalation verhindern sollen. So signalisierte ein hochrangiger iranischer Vertreter Bereitschaft zu nuklearen Zugeständnissen, sofern die USA im Gegenzug bestimmte Bedingungen erfüllen – ein Hinweis darauf, wie ernst Teheran das Risiko eines Konflikts einschätzt.
Parallel dazu wird über Szenarien diskutiert, in denen US-Operationen im Ernstfall nicht bei punktuellen Schlägen bleiben müssten, sondern sich über einen längeren Zeitraum erstrecken könnten – mit entsprechendem Risiko von Vergeltung und regionaler Ausweitung. Das ist genau das Umfeld, in dem der Goldpreis häufig als „Versicherung“ nachgefragt wird: Steigende geopolitische Risiken können Kapital in als sicher geltende Häfen lenken. Gleichzeitig kann ein Konflikt im Persischen Golf indirekt auch über Energiepreise auf Inflationserwartungen wirken – ein weiterer Kanal, über den der Goldpreis sensibel reagiert.
Unterm Strich zeigt die aktuelle Marktreaktion: Selbst ein höchstrichterliches Urteil, das auf den ersten Blick Unsicherheit reduzieren müsste, reicht nicht aus, um die laufende Goldpreis-Rallye zu brechen, wenn andere Unsicherheitsquellen – von der künftigen Zollstrategie bis zur Iran-Lage – weiter präsent bleiben.