Gold wird von institutionellen und privaten Anlegern zunehmend nicht mehr nur als taktische Beimischung, sondern als struktureller Kernbaustein in der Vermögensaufteilung betrachtet. Darauf weist eine aktuelle Untersuchung der Analysten von WisdomTree hin. Die Autoren Christopher Gannatti (Global Head of Research) und Nitesh Shah (Director of Research Europe) beobachten eine „stille Revolution“ in den Portfolios, die eng mit veränderten makroökonomischen Rahmenbedingungen verknüpft sei.
Demnach erodiert das jahrzehntelang dominierende 60/40-Modell – 60 % Aktien, 40 % Anleihen – als Standard für Diversifikation und Risikomanagement. An seine Stelle trete zunehmend eine Struktur, in der Gold und andere reale Werte eine feste Rolle im „sicheren“ Teil des Portfolios übernehmen.
Gold als Kernallokation statt taktischer Beimischung
Lange galt das klassische 60/40-Modell als Synonym für Ausgewogenheit: Aktien für Wachstum, Anleihen als Stabilisator. Dieses Konzept funktionierte vor allem in einem Umfeld niedriger Inflation, stabilen Wachstums und negativer Korrelationen zwischen Aktien- und Anleiherenditen. Nach Einschätzung von WisdomTree hat sich dieses Regime jedoch grundlegend verändert.
Spätestens seit 2022 stellen viele Anleger infrage, ob Staatsanleihen noch in gleichem Maße als Gegengewicht zu Aktien dienen können. In einer Welt mit strukturell höheren Schuldenständen, aktiver Fiskalpolitik und wiederkehrenden Inflationssorgen verschiebt sich der Blick zunehmend auf reale Werte – allen voran auf Gold.
In diesem Kontext zitieren die Autoren auch Einschätzungen anderer Marktteilnehmer: So bezeichnete Morgan Stanley Gold jüngst als „attraktive Absicherung gegen fiskalische Großzügigkeit und geopolitische Risiken“ und verwies dabei auf eine starke Kursentwicklung sowie eine sehr geringe Korrelation zu Aktien.
WisdomTree betont, dass Gold heute weniger aus „Angst“, sondern vor allem aus funktionalen Gründen allokiert werde. Im September seien weltweit mehr als 10 Mrd. US-Dollar in Gold-ETFs geflossen – ein Signal, dass institutionelle wie private Investoren ihre Portfolios auf ein Umfeld struktureller Defizite, höherer Staatsausgaben und fiskalischer Unsicherheit ausrichten.
Gold und die neue 60/20/20-Architektur
Aus Sicht von WisdomTree hat sich das Verhalten von Gold am Markt spürbar gewandelt. Was früher als klar zinsabhängiger Trade galt – sinkende Renditen stützen den Goldpreis – werde heute zunehmend als Absicherung gegen fiskalische Risiken verstanden.
Die Analysten verweisen darauf, dass sich die Korrelation von Gold zu US-Staatsanleiherenditen verändert habe: Statt eindeutig negativ sei sie zuletzt eher positiv gewesen, wenn steigende langfristige Zinsen als Ausdruck gestiegener Sorgen um die Tragfähigkeit staatlicher Haushalte interpretiert wurden. In solchen Phasen sei der Goldpreis gestiegen, obwohl auch die Renditen anzogen – ein Bruch mit früheren Mustern.
Vor diesem Hintergrund erscheint Gold in der Analyse nicht mehr als „Accessoire“ eines Portfolios, sondern als eigenständiger Baustein im Block der Sachwerte. Einige Strategen würden bereits mit einer Struktur arbeiten, in der etwa 20 % des bisherigen Anleiheanteils in reale Assets – darunter insbesondere Gold – umgeschichtet werden.
WisdomTree beschreibt dies als Übergang vom alten 60/40- hin zum 60/20/20-Denkmuster: 60 % Aktien, 20 % Anleihen, 20 % reale Werte inklusive Gold. Ziel sei weniger der Gegensatz von Anlageklassen („Aktien versus Anleihen“), sondern eine orthogonale Diversifikation – also die Kombination von Ertragsquellen, die möglichst unabhängig voneinander reagieren.
Gold nimmt dabei eine besondere Stellung ein: Es handelt sich um einen liquiden Vermögenswert, der außerhalb der Verbindlichkeiten von Staaten und Zentralbanken steht und damit kein klassisches Gegenparteirisiko trägt.
Europa macht Gold zum Gegenstück zu Staatsanleihen
Besonders weit fortgeschritten ist diese Entwicklung der Analyse zufolge in Europa. In einer WisdomTree-Investorenumfrage 2025 unter 802 Teilnehmern aus Europa und Großbritannien wurde Gold von 41 % der Befragten als bevorzugter „sicherer Hafen“ eingestuft – deutlich vor Alternativen wie Bitcoin oder dem US-Dollar.
Noch aussagekräftiger ist die tatsächliche Portfolioaufteilung: Im Durchschnitt halten die befragten Anleger laut Studie rund 5,7 % ihres Vermögens in Gold – damit liegt der Anteil auf dem gleichen Niveau wie die Allokation in Staatsanleihen entwickelter Märkte. Gold wird damit nicht mehr als Randposition, sondern als etablierter Baustein institutioneller Portfolios wahrgenommen.
Auch der Zugang zum Edelmetall hat sich verändert. Rund 40 % der Umfrageteilnehmer bevorzugen börsengehandelte Produkte (ETPs/ETFs), deutlich mehr als physische Barren oder Münzen, Terminprodukte oder Minenaktien. Gründe sind unter anderem Transparenz, vergleichsweise niedrige Kosten und die einfache Einbindung in bestehende Portfolio-Strukturen.
WisdomTree betont, dass sich diese regionalen Verschiebungen nicht auf Europa beschränken werden. In einem globalisierten Kapitalmarkt beeinflussen veränderte Allokationen europäischer Investoren letztlich auch die Preisbildung und Liquidität von Gold weltweit.
Gold als fester Bestandteil moderner Diversifikation
Die zentrale Aussage der Analyse: Gold wird zunehmend als fester Bestandteil einer modernen, auf strukturelle Risiken ausgerichteten Diversifikationsstrategie verstanden. Während früher die Frage im Vordergrund stand, ob man Gold überhaupt ins Depot nehmen sollte, verschiebe sich die Diskussion heute stärker darauf, wie die Allokation konkret aussehen kann und über welche Instrumente sie umgesetzt wird.
Für die USA könnte die europäische Entwicklung als Blaupause dienen. WisdomTree erwartet, dass sich die Portfolioarchitektur auf beiden Seiten des Atlantiks allmählich annähert – mit einer wachsenden Rolle harter, realer Werte.
Damit zeichnet die Studie das Bild eines Marktes, in dem Gold nicht mehr nur als Krisenmetall oder taktische Versicherung betrachtet wird, sondern als Teil eines strukturellen Ansatzes zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit – Stichwort „Resilienz“ von Portfolios. Wie stark und wie schnell sich diese „stille Revolution“ in der Breite durchsetzt, dürfte maßgeblich von der weiteren Entwicklung von Inflation, Staatsverschuldung und geopolitischen Spannungen abhängen.