Gold setzt den Aufwärtstrend scheinbar auch zu Wochenbeginn fort. Mehrere große Investmentbanken erwarten zudem, dass das gelbe Metall 2026 neue Rekordniveaus erreicht. In einem Umfeld aus geopolitischen Spannungen, lockerer Geldpolitik und anhaltend starker Nachfrage von Zentralbanken setzen viele Investoren zunehmend auf Gold als „harten“ Vermögenswert – und das spiegelt sich in den Prognosen wider.
JPMorgan und Goldman Sachs rechnen zum Beispiel damit, dass Gold im Schlussquartal 2026 bis auf rund 5.055 US-Dollar je Unze steigen kann. Morgan Stanley zeigt sich etwas vorsichtiger und sieht den Goldpreis zum Jahresende 2026 bei etwa 4.400 US-Dollar, während die UBS von 4.500 bis 4.900 USD pro Unze Mitte des nächsten Jahres ausgeht. Trotz unterschiedlicher Detailannahmen ergibt sich damit ein seltener Konsens an der Wall Street: Gold befindet sich nach Ansicht der Häuser in einem strukturellen Bullenmarkt, getragen von makroökonomischen Risiken und rekordhoher Nachfrage aus dem offiziellen Sektor.
Gold im Aufwärtstrend: Rückblick auf die Rallye 2025
Der aktuelle Aufwärtstrend bei Gold hat sich vor allem in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 dynamisch beschleunigt. Das Edelmetall überschritt im Herbst erstmals dauerhaft die Marke von 4.000 US-Dollar je Unze und erreichte im Oktober ein Rekordhoch von rund 4.381 US-Dollar. Gleichzeitig verzeichnete Gold seinen ersten Monatsschlusskurs oberhalb der 4.000-Dollar-Schwelle.
Bis zum 11. November summierte sich das Plus im Jahresverlauf auf 58 Prozent, womit Gold zahlreiche andere Anlageklassen hinter sich ließ. Zu Wochenbeginn lag der Spotpreis in Europa bei gut 4.229 US-Dollar je Unze.
Getrieben wurde die Rallye vor allem durch die Erwartung weiter sinkender US-Leitzinsen. Die US-Notenbank Federal Reserve hat 2025 bereits zwei Zinssenkungen um jeweils 25 Basispunkte vorgenommen und die Fed Funds Rate damit auf 3,75 bis 4,0 Prozent gesenkt – den niedrigsten Stand seit drei Jahren. Vor der nächsten Fed-Sitzung am 9. Dezember bleibt allerdings noch offen, wie schnell der Lockerungszyklus weitergeht.
Historisch zeigen fallende Realzinsen und ein schwächerer US-Dollar eine enge Verbindung zu steigenden Goldpreisen. Morgan Stanley verweist darauf, dass Gold seit den 1990er-Jahren in den 60 Tagen nach Beginn eines Zinssenkungszyklus der Fed im Durchschnitt um etwa sechs Prozent zulegte. Viele Anleger würden zudem Gold inzwischen nicht nur als Inflationsschutz, sondern auch als Indikator für geldpolitische Kurswechsel und geopolitische Risiken betrachten.
Zentralbanken bleiben Schlüsselfaktor für den Goldmarkt
Ein zentrales Element der optimistischen Goldprognosen sind die massiven Käufe der Zentralbanken. JPMorgan erwartet, dass sich die kombinierte Nachfrage von Zentralbanken und Investoren bis 2026 auf durchschnittlich 566 Tonnen pro Quartal belaufen wird. Goldman Sachs rechnet für die Jahre 2025 und 2026 mit jährlichen Goldkäufen der Notenbanken von rund 760 Tonnen – deutlich über den historischen Mittelwerten.
Der World Gold Council meldet, dass 95 Prozent der Zentralbanken einen weiteren Anstieg der weltweiten Goldreserven erwarten. 43 Prozent der Institute planen, ihre eigenen Bestände im kommenden Jahr aufzustocken. Damit setzt sich ein Trend fort, der deutlich vor der jüngsten Rallye einsetzte: Seit 2013 haben Zentralbanken rund 8.200 Tonnen Gold erworben und damit die Nettozuflüsse in börsengehandelte Goldprodukte klar übertroffen.
Eine besondere Bedeutung kam dem Jahr 2022 zu, als die Devisenreserven Russlands teilweise eingefroren wurden. Dieser Schritt habe viele Notenbanken in Schwellenländern dazu veranlasst, ihre Abhängigkeit vom US-Dollar zu überdenken und Gold als politisch weniger angreifbare Reservekomponente einzustufen.
Sprott Asset Management beschreibt diese Entwicklung in seinem Precious Metals Report als eine Art „Zentralbank-Gold-Put“: Die anhaltende Nachfrage des offiziellen Sektors wirke wie eine stetige Kaufuntergrenze, die Rückschläge beim Goldpreis abfedern könne. Gleichzeitig verweist Sprott darauf, dass die Aufwärtsbewegung nicht primär spekulativ sei, sondern von strukturellen Sorgen um Staatsverschuldung, Haushaltsdefizite und die Verlässlichkeit von Fiat-Währungen getragen werde.
Gold: Debasement-Trade, Risiken und die Rolle der Privatanleger
Neben der Geldpolitik und den Zentralbanken rückt ein weiterer Treiber in den Vordergrund: die Suche nach Absicherung gegen Währungsentwertung, oft als „Debasement-Trade“ bezeichnet. Sprott argumentiert, dass Investoren zunehmend aus auf US-Dollar lautenden Anleihen und renditesensiblen Aktien in physische Edelmetalle und teilweise auch Kryptowährungen umschichten, um Kaufkraft und Vermögen gegen systemische Risiken zu sichern.
Mehrere Häuser sehen im Verhalten der Privatanleger einen potenziellen Zusatzimpuls für den Goldpreis. Goldman Sachs und JPMorgan verweisen darauf, dass ein breiterer Diversifikationsschub aus globalen Anleihemärkten schon in relativ geringem Umfang spürbare Effekte haben könnte, da der Markt für Goldanlagen im Vergleich zum Volumen der Staatsanleihen deutlich kleiner ist.
Selbst die traditionell eher zurückhaltende Weltbank hat ihre Erwartungen angepasst. In ihrem Commodity Outlook geht sie von einem durchschnittlichen Goldpreis von 3.575 US-Dollar je Unze im Jahr 2026 aus, nach 3.410 US-Dollar 2025. Zwar rechnen die Experten dort mit einer gewissen Plateauphase nach 2026, betonen aber, dass geopolitische Schocks die Preise jederzeit deutlich über das Basisszenario hinaustreiben könnten.
Dennoch sehen die Analysten auch Risiken. Die schnelle Kursrallye hat Gold zwischenzeitlich in technisch überkaufte Bereiche geführt. Morgan Stanley verweist auf einen Tagesrückgang von sechs Prozent im Oktober als Beispiel für kurzfristige Übertreibungen. Höhere Kurse könnten zudem die Bereitschaft mancher Zentralbanken dämpfen, große zusätzliche Mengen zu erwerben, während eine anhaltend starke Entwicklung an den Aktienmärkten Kapital aus einem nicht verzinsten Vermögenswert wie Gold abziehen könnte.
Ausblick: Gold als strategische Kernposition
Trotz dieser Unsicherheiten bleibt der Grundtenor der Prognosen positiv. Goldman Sachs sprach nach der Oktober-Korrektur von einem „gesunden“ Rücksetzer innerhalb eines mehrjährigen Aufwärtstrends. Sprott geht sogar davon aus, dass sich der aktuelle Goldzyklus noch in einer frühen Phase befindet und die zugrunde liegenden Faktoren – hohe Schulden, expansive Fiskalpolitik, strukturelle Defizite – eher langfristiger Natur sind.
Mit Blick auf 2026 liegen die Prognosen für den Goldpreis in einer Spanne von etwa 4.400 bis 5.300 US-Dollar je Unze, bei einem erwarteten Durchschnitt deutlich über 4.000 US-Dollar. Vor diesem Hintergrund beschreiben zahlreiche Marktbeobachter Gold zunehmend nicht mehr nur als taktische Absicherung, sondern als festen Bestandteil einer strategischen Vermögensallokation.