Nach einem außergewöhnlichen Jahr für Edelmetalle – mit einem Plus von mehr als 65 % beim Goldpreis und über 100 % bei Silber – rechnet die kanadische Bank BMO Capital Markets damit, dass der Aufwärtstrend bei Gold auch 2026 anhält. Obwohl Gold und Silber auf oder nahe Rekordniveaus handeln, sehen die Analysten noch Spielraum nach oben – mit klarer Präferenz für Gold gegenüber den übrigen Edelmetallen.
Gold im Fokus: BMO hebt Preisprognose für 2026 an
Im offiziellen Rohstoffausblick für 2026 geht BMO davon aus, dass Gold seine Jahreshöchststände in der ersten Jahreshälfte erreichen wird. Die Analysten rechnen nun mit einem durchschnittlichen Goldpreis von 4.600 US-Dollar je Unze im ersten Halbjahr – rund 5 % mehr als in der bisherigen Schätzung. Für das Gesamtjahr erwartet die Bank im Schnitt 4.550 US-Dollar je Unze, was einer Anhebung der vorherigen Prognose um etwa 3 % entspricht.
Damit signalisiert BMO, dass der aktuelle Goldzyklus aus ihrer Sicht noch nicht abgeschlossen ist. Nach einem Jahr mit rund 65 % Kursplus und fast 50 registrierten Allzeithochs sehen die Analysten die Hausse zwar fortgeschritten, aber nicht ausgereizt. Gold bleibe 2026 das bevorzugte Edelmetall im Sektor.
Silber: Nach Rallye über 100 % vorsichtiger bewertet
Während Gold laut BMO auch 2026 im Mittelpunkt stehen dürfte, fällt der Ausblick für Silber differenzierter aus. Die Bank erwartet für Silber im vierten Quartal 2026 einen durchschnittlichen Preis von rund 60 US-Dollar je Unze – das soll zugleich den Jahreshöchststand markieren. Im Jahresdurchschnitt kalkuliert BMO mit 56,30 US-Dollar je Unze.
Bemerkenswert ist, dass diese Prognosen unter den aktuellen Spotpreisen liegen: Silber notiert derzeit über 65 US-Dollar je Unze. BMO hat seine Silberprognose für 2026 zwar deutlich um 14 % angehoben, warnt jedoch gleichzeitig vor überkauften Tendenzen bei Silber und auch bei Platin. Beide Metalle hätten in den vergangenen Wochen eine sehr starke Entwicklung gezeigt, während die Angebotsdefizite laut den aktualisierten Modellen der Bank eher kleiner werden.
Die Analysten führen die starke Silbernachfrage vor allem auf zwei Faktoren zurück: zum einen die „Entwertungshandel“-These, bei der Investoren in Sachwerte wie Edelmetalle ausweichen, zum anderen verstärkte Lageraufbauten in den USA seit der Einstufung von Silber als „Critical Mineral“. In Phasen knapper Märkte könne Silber sich zwar ähnlich wie Gold verhalten – und in Rallyes sogar stärkere Ausschläge nach oben zeigen. Doch BMO sieht für 2026 bei Silber und Platin weniger Spielraum als bei Gold.
Makrotreiber: Zinswende, schwächerer Dollar und „Dedollarisierung“
Der Kern der BMO-Prognose bleibt die makroökonomische Unterstützung für Gold. Die Analysten rechnen damit, dass die US-Notenbank im kommenden Jahr die Zinsen weiter senkt. Sinkende US-Zinsen entlasten in der Regel den US-Dollar und senken die realen Renditen – ein Umfeld, in dem Gold als unverzinste Anlage historisch häufig zulegen konnte.
BMO verweist darauf, dass der US-Dollar aufgrund der hohen Staatsverschuldung anfällig für die sogenannte „Debasement“-These bleibt, also die Sorge vor einer schleichenden Entwertung der Leitwährung. Vor diesem Hintergrund sehen die Analysten Gold weiterhin als wichtiges Absicherungsinstrument gegen wachsende Währungs- und Schuldenrisiken.
Gleichzeitig verweisen sie auf eine strukturelle Veränderung in der Rolle von Gold im globalen Finanzsystem. Die Bank spricht von einem „neuen Zeitalter für Gold“, in dem andere Nachfragefaktoren als früher dominieren. Zwei Formen der „Dedollarisierung“ stehen dabei im Mittelpunkt:
Geopolitische Dedollarisierung: Staaten und Institutionen reduzieren ihre Abhängigkeit vom US-Dollar, um sich gegen mögliche Sanktionen abzusichern oder weniger abhängig vom US-Zahlungssystem zu sein. Käufe von Gold durch Notenbanken – etwa in Schwellenländern – sind ein zentraler Bestandteil dieser Strategie.
Hedging-Dedollarisierung: Investoren reagieren auf die steigende Staatsverschuldung und die Gefahr monetärer Entwertung, indem sie Gold als Absicherung gegen langfristigen Kaufkraftverlust nutzen.
Die starke Widerstandsfähigkeit des Goldpreises nach zwischenzeitlichen Rücksetzern im Oktober deuten die Analysten als Zeichen, dass Gold seine Funktion als Diversifikationsinstrument und „sicherer Hafen“ nicht eingebüßt hat.

Gold als Stabilitätsanker im Multianlage-Portfolio
Vor diesem Hintergrund behält Gold für BMO auch in der taktischen Asset-Allokation eine zentrale Rolle. Die Bank geht davon aus, dass Gold bis Ende 2026 US-Staatsanleihen und den US-Dollar weiterhin outperformen dürfte. In den vergangenen Monaten habe sich gezeigt, dass Gold selbst in einem Umfeld schwacher Rentenmärkte und unter Druck stehender US-Währung einen stabilisierenden Beitrag leisten könne.
Aus Sicht der Analysten bleibt der mehrjährige Aufwärtstrend im Goldmarkt intakt: Kurzfristig wirkten Inflationssorgen und wirtschaftliche Unsicherheiten preistreibend, langfristig dominiere die Erwartung einer fortgesetzten monetären Entwertung. Hinzu kommt, dass der Anteil von Gold am Gesamtvolumen der globalen Finanzanlagen trotz der Rallye weiterhin relativ niedrig ist – was aus Sicht vieler Marktbeobachter zusätzlichen Spielraum für Umschichtungen in Richtung Gold eröffnet.
Für Silber, Platin und andere Edelmetalle bleibt BMO grundsätzlich positiv gestimmt, allerdings mit einem klaren Schwerpunkt auf Gold als führendem Edelmetall des aktuellen Zyklus. Silber könne in Phasen knapper Versorgung und hoher Anlegernachfrage überproportional reagieren, zeige aber nach der Verdopplung des Preises im laufenden Jahr bereits stärkere Übertreibungssignale.