Die Preise für Tungsten (Wolfram) sind im Januar auf neue Rekordstände gestiegen. Marktteilnehmer berichten von einer Mischung aus sinkenden Beständen, Exportbeschränkungen aus China und robuster Nachfrage aus mehreren Industriezweigen. In einem ohnehin engen Markt hat die Bewegung spürbare Folgen: Abnehmer bemühen sich zunehmend um verfügbare Mengen, während Händler in den kommenden Wochen mit weiter steigenden Notierungen rechnen.
Besonders deutlich zeigt sich der Preissprung beim Vorprodukt Ammoniumparawolframat (APT), das zur Herstellung von Wolframmetall dient. In China lag APT zuletzt nach Angaben von Händlern bei 1.125 bis 1.150 US-Dollar je metric ton unit (mtu) – ein Rekordniveau. Auch außerhalb Chinas zieht der Markt an: In Rotterdam erreichten die Preise demnach ein Allzeithoch von rund 1.100 US-Dollar je mtu. Dass die Notierungen gleichzeitig in Asien und Europa neue Höchststände markieren, wird von Beobachtern als Hinweis gewertet, wie eng der globale Wolframmarkt derzeit ist.
Tungsten (Wolfram): Schlüsselmetall für Industrie, Luftfahrt und Verteidigung
Tungsten gilt als kritisches Industriemetall. Seine Bedeutung leitet sich vor allem aus physikalischen Eigenschaften ab: Wolfram ist extrem hart und besitzt den höchsten Schmelzpunkt aller Metalle. In der Praxis wird es häufig als Wolframkarbid eingesetzt – etwa in Schneid- und Bohrwerkzeugen sowie Verschleißteilen, die in Maschinen für Fertigung, Bergbau und Bauwirtschaft zum Einsatz kommen.
Darüber hinaus spielt Tungsten in anspruchsvollen Anwendungen eine Rolle, beispielsweise in Komponenten für Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, industrielle Gasturbinen sowie Elektronik. Entsprechend können kräftige Preissprünge entlang der Lieferkette weitergegeben werden – über Materialkosten, Produktionsplanung und letztlich auch über die Kalkulation von Endprodukten. Marktteilnehmer sprechen deshalb davon, dass Wolfram ein Indikator für die Lage in der fortgeschrittenen Industrieproduktion sein kann.
Ein in London ansässiger Händler beschreibt die aktuelle Situation als Bündel mehrerer Treiber: Die Märkte seien eng, die Nachfrage aus Verteidigung, Luftfahrt und industriellen Anwendungen hoch, gleichzeitig gebe es Herausforderungen auf der Angebotsseite – etwa durch sinkende Erzgehalte und weitere Einschränkungen. Hinzu kämen die Probleme bei Ausfuhren aus China, die den Markt zusätzlich verknappen.
Chinas Exportkontrollen verändern die Verfügbarkeit am Weltmarkt
China dominiert sowohl den Abbau als auch die Verarbeitung von Tungsten weltweit. Entsprechend stark wirken sich Maßnahmen aus Peking auf den internationalen Markt aus. Im Februar 2025 führte China Exportkontrollen ein, die den Versand bestimmter Wolfram-Materialien an Genehmigungen knüpfen. Exporteure benötigen seither staatliche Erlaubnisse, bevor sie Ware ausführen dürfen.
Ein weiterer Schritt folgte zuletzt: Im vergangenen Monat benannte Peking 15 Unternehmen, die Wolfram exportieren dürfen. Marktteilnehmer interpretieren diese Maßnahme als weitere Zentralisierung der Kontrolle – mit der möglichen Folge, dass das Volumen für ausländische Käufer begrenzter wird. Für Abnehmer außerhalb Chinas erhöht das die Unsicherheit, wie planbar und in welchen Mengen Material verfügbar bleibt.
William Parry-Jones, Gründer von Wolfram Advisory und auf Wolframmärkte sowie Lieferkettenstrategien spezialisiert, beziffert die Auswirkungen der Kontrollen deutlich: Das chinesische Exportvolumen sei seit Einführung der Beschränkungen im Jahresvergleich um nahezu 40% zurückgegangen. Gleichzeitig gebe es außerhalb Chinas nicht genügend Rohmaterial, um diesen Rückgang auszugleichen. In einem Markt, der ohnehin als knapp beschrieben wird, verstärkt ein solcher Rückgang den Wettbewerbsdruck um verfügbare Mengen.
Zusätzliche Spannung kam nach Einschätzung von Marktteilnehmern in diesem Monat durch neue chinesische Regeln für sogenannte Dual-Use-Materialien gegenüber Japan hinzu. Japan zählt zu den größten Importeuren von chinesischem Tungsten. Wenn sich der Zugang zu Material in einer solchen Importrelation erschwert, kann das den Markt auch in anderen Regionen indirekt beeinflussen – etwa über Umleitungen von Lieferströmen oder wachsenden Preisdruck.
Außerhalb Chinas bleibt die Produktion zersplittert
Die Knappheit wird auch dadurch verstärkt, dass die Wolframproduktion außerhalb Chinas vergleichsweise fragmentiert ist. Nach Daten aus dem Jahr 2024, die vom US Geological Survey zitiert werden, wird die Minenproduktion außerhalb Chinas vor allem von Vietnam und Russland angeführt. Hinzu kommen kleinere Beiträge aus Ländern wie Ruanda, Bolivien, Österreich und Spanien. Zusammengenommen belaufen sich diese Mengen demnach nur auf einige tausend Tonnen pro Jahr – ein deutliches Missverhältnis im Vergleich zu Chinas Produktion von 67.000 Tonnen.
Für den Markt ist diese Struktur relevant, weil sie die kurzfristigen Alternativen einschränkt. Selbst wenn einzelne Produzenten außerhalb Chinas ihre Förderung erhöhen, bleibt die Ausgangsbasis klein – und der Ausbau von Minen und Verarbeitungskapazitäten braucht Zeit. Das trägt dazu bei, dass der Markt bei Lieferausfällen oder Exporthürden besonders empfindlich reagiert.
Innerhalb Chinas kommen weitere Faktoren hinzu, die die Verfügbarkeit beeinflussen. Marktteilnehmer führen die hohen Inlandspreise unter anderem auf eine beschränkte Förderquote zurück: Die chinesische Mining-Quote sei 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 6,5% gesenkt worden. Gleichzeitig deute eine hohe Auslastung in der Verarbeitung und Industrie darauf hin, dass mehr Material im Land selbst gebunden wird – also weniger in den Export fließt.
Die Experten verweisen in diesem Zusammenhang auf den Ausbau der chinesischen Fertigungskapazitäten. Wenn mehr industrielle Wertschöpfung im Land stattfindet, steigt der Bedarf an Vorprodukten wie Wolfram im Inland. Für Käufer außerhalb Chinas kann das bedeuten, dass sie in einem engeren Markt nicht nur mit Exportkontrollen, sondern auch mit zunehmender Binnenkonkurrenz um Material konfrontiert sind.
Unterm Strich zeigt der Januar eine deutliche Verschiebung im Tungsten/Wolfram-Markt: Rekordpreise bei APT in China und in Rotterdam, begrenzte Exportmöglichkeiten und eine Nachfrage, die aus mehreren Industriebereichen gespeist wird. Für die kommenden Wochen rechnen Marktteilnehmer damit, dass die Preisspanne eher nach oben als nach unten tendiert – insbesondere dann, wenn die Materialflüsse aus China weiter eingeschränkt bleiben und alternative Quellen kurzfristig nicht ausreichen.