Der Silberpreis hat in den vergangenen Monaten eine außergewöhnlich dynamische Entwicklung gezeigt und notiert jetzt einmal mehr auf Rekordniveau. Am Spotmarkt ist der Kurs seit Jahresbeginn mittlerweile um mehr als 82 % gestiegen! Damit hat Silber Gold im laufenden Jahr klar hinter sich gelassen. Die Bewegung ist jedoch nicht nur Ausdruck spekulativer Ströme, sondern spiegelt auch strukturelle Angebotsengpässe und eine starke industrielle Nachfrage wider – Faktoren, die die Schwankungen beim Silberpreis zusätzlich verstärken.
Im Gegensatz zu Gold ist Silber eng mit der realen Wirtschaft verknüpft. Das Metall wird in großem Umfang in der Elektronik, in Solarmodulen, in der Batterieindustrie und in zahlreichen weiteren Anwendungen benötigt. Diese enge Verbindung zur Konjunktur sorgt dafür, dass Silber in Phasen wirtschaftlicher Dynamik profitiert, in Abschwüngen aber auch deutlich zurückfallen kann. Entsprechend gilt der Silberpreis als deutlich volatiler als der Goldpreis.
Silberpreis und Short-Squeeze zwischen London und COMEX
Ein maßgeblicher Treiber der jüngsten Rally ist eine ausgeprägte Knappheit an physischem Silber, insbesondere am Londoner Markt. Dort hat sich ein Short-Squeeze entwickelt: Marktteilnehmer, die auf fallende Preise gesetzt und Futures leer verkauft haben, sehen sich durch den unerwarteten Kursanstieg gezwungen, ihre Positionen mit Rückkäufen zu schließen. In einem engen Markt verstärkt dies die Aufwärtsbewegung zusätzlich.
Diese Situation hat zu einer ungewöhnlichen Preisdifferenz geführt: In London liegt der Preis für physisches Silber zeitweise um rund 3 US-Dollar je Unze über den Notierungen der COMEX-Kontrakte in New York. Ein derartiger Aufschlag ist bei Silber selten, da die hohen Transport- und Lagerkosten normalerweise Arbitragegeschäfte begrenzen.
Auch die Bestände an den großen Handelsplätzen geben Hinweise auf die Knappheit. In den COMEX-Lagern wurden im Spätsommer 2025 rund 500 Mio. Unzen Silber gemeldet. Diese Menge hat sich seither zwar leicht bewegt, ist aber unter dem Strich nicht nennenswert angewachsen. Ein großer Teil der Bestände ist zudem als „eligible“ klassifiziert – damit dem Eigentümer zwar zugeordnet, aber nicht automatisch für die Auslieferung aus Futures-Kontrakten verfügbar.
Daten des London Bullion Market Association (LBMA) deuten ebenfalls auf rückläufige Lagerbestände in den Tresoren der Metropole hin. Zusammengenommen unterstreichen diese Zahlen, dass der Markt bereits vor dem jüngsten Preissprung angespannt war – und ein zusätzlicher Nachfrageimpuls, etwa durch India oder Fonds, die Lage weiter verschärfen konnte.
Indien als Nachfrage-Motor für physisches Silber
Eine zentrale Rolle in der aktuellen Entwicklung spielt Indien, der weltweit größte Silberverbraucher. Schätzungen zufolge werden dort rund 80 % des Bedarfs über Importe gedeckt. In diesem Jahr ist die Einfuhr von Silber nach Indien deutlich gestiegen; Marktbeobachter sprechen von einer Verdoppelung im Vorfeld der Feiertagssaison Diwali.
Das Diwali-Fest ist traditionell eine wichtige Phase für den Edelmetallkauf. Neben Gold werden vermehrt Silbermünzen, -barren und Schmuck nachgefragt. Hinzu kommt die industrielle Verwendung in Elektronik und anderen Anwendungen. In einem ohnehin knappen Markt entzieht diese zusätzliche Nachfrage dem Westen physische Ware. Die Folge: In Indien werden Aufschläge von mehr als 10 % auf den internationalen Spotpreis gemeldet, ein klares Zeichen für den hohen Bedarf vor Ort.
Parallel dazu haben börsengehandelte Fonds (ETFs), die durch physische Silberbestände gedeckt sind, weitere Mengen absorbiert. Zuflüsse in solche Produkte binden Metall in Tresoren und verringern das unmittelbar verfügbare Angebot. Die Kombination aus ETF-Nachfrage, höheren Importen und bereits niedrigen Lagerbeständen trägt dazu bei, den Silberpreis auf erhöhtem Niveau zu halten und das Risiko abrupter Bewegungen zu vergrößern.

Goldpreis als Anker im Umfeld von Zinsen und geopolitischen Spannungen
Während Silber stark von der industriellen Nutzung geprägt ist, folgt Gold einem anderen Muster. Der jüngste Anstieg des Goldpreises steht zwar teilweise im Zusammenhang mit den gleichen makroökonomischen Faktoren wie beim Silberpreis – etwa der Erwartung sinkender Zinsen und anhaltender Inflationssorgen –, gleichzeitig deutet sich jedoch ein struktureller Bedeutungswandel an.
Gold wird zunehmend weniger als kurzfristiges Instrument zur Absicherung gegen Inflation oder Krisen betrachtet, sondern als dauerhafte Komponente in breit diversifizierten Portfolios. Historisch diente das Edelmetall als Grundlage des internationalen Währungssystems; diese Funktion verlor es mit dem Ende des Goldstandards. Aktuelle Marktentwicklungen legen nahe, dass Gold heute wieder stärker als neutraler Wertspeicher wahrgenommen wird, der sich von der Konjunktur und vom Zyklus anderer Rohstoffe teilweise abkoppelt.
Ein wichtiger Faktor sind andauernde Handelskonflikte und geopolitische Spannungen. Zölle, Gegenzölle und eine Fragmentierung globaler Lieferketten nähren Zweifel an der Stabilität einzelner Fiat-Währungen. In diesem Umfeld erscheint Gold vielen Marktteilnehmern als politisch weitgehend neutraler Vermögensspeicher. Hinzu kommt die bekannte inverse Beziehung zu den Zinsen: Sinken die Renditen, sinken die Opportunitätskosten der Goldhaltung, was die Nachfrage nach dem Edelmetall stützen kann. Zentralbanken und institutionelle Investoren berücksichtigen diesen Zusammenhang verstärkt in ihren Allokationsentscheidungen.
Unterschiedliche Rollen von Silber und Gold im Edelmetall-Portfolio
Die aktuelle Rally macht die unterschiedlichen Charakteristika von Silber und Gold deutlich. Der Silberpreis reagiert historisch etwa zwei- bis dreimal so stark auf konjunkturelle Veränderungen wie der Goldpreis. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass der Handel an den Terminmärkten von Derivaten dominiert wird und physische Engpässe, wie sie während der Pandemie oder bei Logistikproblemen auftreten können, die Preisbildung zusätzlich beeinflussen.
Silber vereint Eigenschaften eines Edelmetalls mit denen eines Industriemetalls. In Aufschwungphasen kann diese Doppelrolle zu überdurchschnittlichen Kursbewegungen führen, in Abschwüngen können die gleichen Faktoren jedoch auch zu überproportionalen Rückgängen beitragen. Gold hingegen wird weniger von Produktions- und Nachfrageschwankungen einzelner Branchen beeinflusst. Sein Marktprofil orientiert sich stark an Faktoren wie Inflations- und Zinserwartungen, Währungsrisiken und geopolitischen Spannungen.
Für Marktbeobachter ergibt sich daraus ein Bild zweier Edelmetalle mit klar getrennten Funktionen: Silber steht stärker für Wachstums- und Industrieerwartungen, der Goldpreis eher für die Suche nach Stabilität und Werterhalt. Die jüngsten Bewegungen am Silbermarkt – von der Angebotsknappheit über den Short-Squeeze in London bis zur hohen Nachfrage aus Indien – zeigen, wie empfindlich der Silberpreis auf Veränderungen im Zusammenspiel von physischem Markt und Finanzmarkt reagieren kann.