Der Goldpreis hat sich zuletzt wieder in Richtung 5.200 US-Dollar je Unze vorgearbeitet, liegt damit aber weiterhin spürbar unter den Allzeithochs vom Januar nahe 5.600 US-Dollar. In dieser Konsolidierungsphase mehren sich am Markt Stimmen, die das längerfristige Momentum hinterfragen. Eine aktuelle Analyse aus dem Edelmetallsektor setzt dagegen einen historischen Maßstab: Im Vergleich zu früheren Haussephasen sei der laufende Bullenmarkt noch relativ „jung“ – und Gold sowie Silber hätten 2026 grundsätzlich weiteren Spielraum nach oben.
In ihrem neuen Edelmetall-Report hat eine Marktanalystin von MKS PAMP fünf Gold-Bullenmärkte der vergangenen 50 Jahre miteinander verglichen. Ihr Fazit: Das aktuelle Umfeld entspreche eher einem Mittelzyklus, nicht einem späten Stadium. Der Zyklus laufe demnach seit 39 Monaten; in dieser Zeit habe Gold mehr als 200% zugelegt, Silber rund 350%, während der US-Dollar 13% verloren habe. Aus dieser Kombination leitet die Analystin ab, dass die bisherige Entwicklung zwar beeindruckend, historisch betrachtet aber noch nicht zwingend das „Ende der Fahnenstange“ markieren müsse.
Goldpreis im historischen Vergleich: „Mid-Cycle“-Profil statt Spätphase
Die Analystin stellt die These auf, dass die aktuelle Performance in die Kategorie „Mid-Cycle“ fällt. Sie verknüpft diese Einschätzung mit einem hypothetischen Szenario: Würde Gold die durchschnittliche Dauer und Performance vergangener Zyklen spiegeln, ergäbe sich daraus ein Preisziel von 6.750 US-Dollar bis Oktober – zeitlich verortet rund um die US-Zwischenwahlen. Diese Aussage ist ausdrücklich als historische Spiegelung formuliert, nicht als Prognose im engeren Sinne; sie soll vor allem verdeutlichen, wie viel Luft frühere Zyklen in vergleichbaren Stadien noch hatten.
Als klassische Treiber für Edelmetalle nennt der Report weiterhin bekannte Faktoren: die Aussicht auf sinkende Zinsen, geopolitische Instabilität, wirtschaftliche Unsicherheit und Dollarschwäche. Gleichzeitig betont die Analystin, dass sich dieser Zyklus in wichtigen Punkten von früheren Bullenmärkten unterscheide – insbesondere durch strukturelle Verschiebungen im makroökonomischen und politischen Umfeld.
Strukturwandel als Zusatztreiber: „System-Hedge“ statt Realzins-Korrelation
Nach Darstellung der Analystin wird das aktuelle Makrobild von mehreren übergeordneten Trends geprägt. Dazu zählt sie eine höhere fiskalische Fragilität als in früheren Zyklen: hohe Schuldenstände und persistente Defizite verstärkten ein Umfeld, das viele Marktteilnehmer als „fiscal dominance“ bezeichnen – also eine Situation, in der fiskalische Zwänge die Geld- und Finanzpolitik stärker überlagern.
Gleichzeitig verweist sie auf eine deutlich ausgeprägtere politische Polarisierung in den USA, eine wachsende globale Vermögensungleichheit und eine veränderte geopolitische Gewichtsverteilung, in der China als wirtschaftlicher Faktor wesentlich größer sei als frühere US-Gegenspieler in den 1970er- und 1980er-Jahren. In diesem Kontext, so die Argumentation, habe sich Gold zunehmend von seiner traditionellen Korrelation mit Realzinsen gelöst und entwickle sich stärker zu einer Art „Absicherung gegen das System“ – also zu einem breiter verstandenen Risiko-Hedge.
Diese Sichtweise erklärt, warum Gold trotz wechselnder Zins- und Inflationssignale phasenweise stabil bleibt: Nicht ein einzelner Faktor dominiert, sondern eine Bündelung aus Vertrauens-, Risiko- und Strukturthemen.
Zentralbanken und Retail: Zwei Nachfrageanker – Institutionelle weiterhin zurückhaltend
Für die Investmentnachfrage hebt der Report zwei Gruppen hervor, die aktuell als Stütze wahrgenommen werden. Erstens Zentralbanken, die laut Analystin als „Kernanker“ fungieren. Ihre Netto-Käufe würden de facto ein höheres „Bodenpreis“-Niveau untermauern. Besonders betont wird der Nachholbedarf in Schwellenländern: Die Top-20-Zentralbanken der Emerging Markets hielten demnach zusammen rund 7.500 Tonnen Gold. Um das Niveau der durchschnittlichen Goldallokation in entwickelten Ländern (als Referenz wird der G10-Durchschnitt genannt) zu erreichen, wären laut Report etwa 22.000 Tonnen erforderlich – eine Größenordnung, die sie mit sechs Jahren jährlicher Primärproduktion gleichsetzt.
Zweitens rückt der Report den Privatanlegermarkt in den Fokus, der sich in den vergangenen Jahren stärker diversifiziert habe. Als Beispiele werden robuste physische Nachfrage – unter anderem sichtbar über den Verkauf von Goldprodukten im Einzelhandel – und das wachsende Interesse an goldgedeckten Tokens auf digitalen Handelsplattformen genannt. Ein wichtiges Stichwort ist dabei fractional ownership: Kleinere Stückelungen und digitale Abbildungsmöglichkeiten senkten Einstiegshürden und erweiterten den Kreis potenzieller Käufer.
Gleichzeitig stellt die Analystin fest, dass Gold bei institutionellen Investoren weiterhin untergewichtet sei. Diese Zurückhaltung wird als potenzieller Puffer interpretiert: Sollte sich die Allokation institutioneller Portfolios ändern, könnte zusätzlicher Kapitalstrom entstehen – ohne dass dafür zwingend neue Narrative nötig wären.
Ausblick: Dollar als Zündfunke – Silber womöglich näher am Zyklusende
Für den weiteren Jahresverlauf sieht die Analystin den US-Dollar als möglichen Auslöser für eine nächste Aufwärtsbewegung. Der Rückgang des Dollars sei in diesem Zyklus mit -13% vergleichsweise mild ausgefallen; daraus leitet sie ab, dass bei neuen Katalysatoren noch Raum für weitere Dollarschwäche bestehe – was Edelmetalle typischerweise unterstützt.
Beim Verhältnis Gold vs. Silber bleibt der Report differenziert. Einerseits wird Silber als stark gelaufen beschrieben, andererseits wird betont, dass sein Tempo eher dem Zyklus 2008 – 2011 ähnele (dort: +360% in 33 Monaten). Daraus folgert die Analystin, dass Silber – gemessen an Dauer und Geschwindigkeit – näher am Ende seines zyklischen Laufs sein könnte als Gold. Entsprechend könne Gold relativ gesehen weiter outperformen.
Als Faktoren, die den Goldlauf bremsen könnten, nennt der Report drei potenzielle Gegenwinde: eine nachhaltige Entspannung geopolitischer Risiken, eine anhaltende Stärke des US-Dollars sowie ein politischer Kurswechsel in den USA, der die fiskalische Ausrichtung spürbar verändert.
Unterm Strich zeichnet die Analyse ein Bild, in dem der Goldpreis trotz Konsolidierung nicht als „ausgereizt“ gilt. Der Fokus liegt weniger auf kurzfristigen Impulsen, sondern auf der Frage, ob die Kombination aus strukturellem Makroumfeld, Zentralbanknachfrage, breiterem Retail-Zugang und möglicher institutioneller Nachholung den Zyklus weitertragen kann.