Die anhaltend starke physische Nachfrage nach Edelmetallen wie Platin und Silber hat in diesem Jahr gezeigt, wie empfindlich globale Lieferketten reagieren können. Im Goldmarkt sind vergleichbare Verwerfungen bislang ausgeblieben – doch nach Einschätzung der Rohstoffanalysten von Société Générale könnte sich das ändern. In einem aktuellen Bericht warnt die französische Investmentbank, dass die Goldkäufe der Zentralbanken das Potenzial für einen erneuten Short Squeeze im Goldmarkt bergen.
Im Fokus steht dabei die hohe physische Nachfrage des so genannten offiziellen Sektors: Weltweit haben Zentralbanken ihre Goldreserven in den vergangenen drei Jahren jeweils um rund 1.000 Tonnen ausgebaut. Auch 2025 dürfte der Zuwachs nach Einschätzung des World Gold Council mit bis zu 950 Tonnen deutlich über dem langfristigen Durchschnitt liegen – trotz eines leichten Rückgangs gegenüber den Vorjahren.
Gold: Zentralbanken als Treiber einer möglichen Angebotsverknappung
Société Générale hebt in ihrer Analyse hervor, dass der Goldmarkt zunehmend von der Diskrepanz zwischen physischem Metall und „Papiergold“ geprägt ist. Ein Großteil des Handelsvolumens entfällt auf börsengehandelte Produkte, Terminmärkte und außerbörsliche Derivate. Die Analysten warnen jedoch, dass der wachsende Appetit der Zentralbanken auf physisches Gold dieses Gleichgewicht verschieben könnte.
Ein zentrales Szenario der Bank: Würden Zentralbanken lediglich 1 % ihrer gesamten Währungsreserven zusätzlich in Gold umschichten – ohne dafür andere Fremdwährungsbestände abzubauen –, könnte dies eine regelrechte „gold frenzy“ auslösen. Allein China würde in diesem Modell rund 276 Tonnen benötigen. Über alle betrachteten Länder summierte sich das zusätzliche Volumen nach Berechnungen von Société Générale auf etwa 762 Tonnen.
Verteilt über drei Jahre entspräche dies rund 64 Tonnen pro Quartal – ein Volumen, das nahezu dem Szenario ähnelt, in dem ausländische Investoren ihre US-Dollar-Positionen reduzieren und einen Teil davon in Gold umschichten. Für die Analysten ist dies ein klares Signal, dass selbst kleine prozentuale Verschiebungen in den Reservestrategien erhebliche Auswirkungen auf das physische Angebot haben können.
Gleichzeitig verweisen sie darauf, dass die bisherigen Käufe der Notenbanken bereits zur Ausbildung höherer Unterstützungszonen beigetragen haben. Mit jedem größeren Ausbruch am Markt hätten sich neue Preisbereiche etabliert, in denen Zentralbanken bereit seien, zusätzliche Goldpositionen aufzubauen.
Goldkäufe der Notenbanken und die Rolle Chinas
Im Zentrum der Diskussion steht China, das schon in den vergangenen Jahren als einer der wichtigsten Akteure am Goldmarkt galt. Laut der Einschätzung von Société Générale wird das Land diese Rolle weiter ausbauen.
Die Analysten verweisen dabei auf den breiteren makroökonomischen Hintergrund: Viele Staaten bemühen sich angesichts steigender geopolitischer Spannungen und Handelskonflikte darum, ihre Abhängigkeit vom US-Dollar zu verringern. Gold gilt dabei als Reserven-Asset ohne Gegenparteirisiko und ohne direkte Anbindung an eine bestimmte Volkswirtschaft.
Die Nachfrage der Zentralbanken ist jedoch nur teilweise transparent. Nach Angaben des World Gold Council waren im dritten Quartal rund 66 % der offiziellen Goldkäufe nicht gemeldet. Viele Notenbanken veröffentlichen ihre Transaktionen zeitverzögert oder nur sehr begrenzt, was Marktbeobachter zwingt, auf indirekte Datenquellen zurückzugreifen.
Société Générale schätzt auf Basis von Handelsströmen, dass China in diesem Jahr insgesamt bis zu 250 Tonnen Gold kaufen könnte. Das entspräche mehr als einem Drittel der weltweiten Zentralbanknachfrage. Auffällig ist dabei die Diskrepanz zwischen Importen und offiziell ausgewiesenen Reserven: Während China im September nach britischen Daten etwa 10 Tonnen Gold aus dem Vereinigten Königreich bezog, wiesen die offiziellen Reservestatistiken im selben Zeitraum lediglich einen Zuwachs von 1 Tonne aus.
Goldmarkt im Blick: Handelsströme, UK-Exporte und LBMA-Bestände
Um die inoffizielle Nachfrage besser einschätzen zu können, analysieren die Rohstoffexperten von Société Générale insbesondere die Goldexporte aus dem Vereinigten Königreich. London ist als LBMA-Handelsplatz und Lagerstandort ein zentraler Knotenpunkt im globalen Goldhandel, wodurch britische Außenhandelsdaten wertvolle Hinweise liefern.
Die jüngsten Zahlen der britischen Statistikbehörde deuten auf eine gewisse Abschwächung der Exportaktivität hin: Im September wurden 55,4 Tonnen Gold aus dem Vereinigten Königreich ausgeführt – rund 15 Tonnen weniger als im gleichen Monat 2023 und etwa 70 Tonnen unter dem saisonalen Durchschnitt. Im Oktober liegen die typischen Exporte im Mittel bei rund 140 Tonnen; die entsprechenden Daten sollen Mitte Dezember veröffentlicht werden.
Besonders aufmerksam verfolgen die Analysten die Lieferungen nach China. Die britische Statistik weist für September 15 Tonnen Goldexporte in die Volksrepublik aus, nach 10 Tonnen im August. Im Durchschnitt der Jahre 2022 bis 2024 lag der Septemberwert jedoch bei etwa 47 Tonnen. September 2025 markiert damit den niedrigsten Stand seit Beginn dieses Betrachtungszeitraums. Saisonbedingt wären für Oktober sogar rund 60 Tonnen zu erwarten.
Für Société Générale ist die Kombination aus insgesamt robusten Zentralbankkäufen, gedämpften Exportzahlen und Schwankungen im physischen Handel ein Indiz dafür, dass sich im Hintergrund eine potenziell angespannte Marktsituation aufbauen könnte. Die Analysten betonen, dass vor allem Phasen fallender Preise – wie in der zweiten Oktoberhälfte – Notenbanken neue Einstiegsmöglichkeiten bieten und dadurch zusätzliche physische Nachfrage anziehen.
Ausblick: Goldmarkt zwischen Papierhandel und physischer Nachfrage
Die zentrale Aussage des Berichts: Der Goldmarkt bewegt sich zunehmend in einem Spannungsfeld zwischen umfangreichen Papierpositionen und einer wachsenden, in Teilen schwer zu quantifizierenden physischen Nachfrage. Während Platin und Silber in diesem Jahr bereits gezeigt haben, wie schnell sich Lieferketten verengen können, sehen die Experten von Société Générale den Goldmarkt zwar noch nicht in einer vergleichbaren Lage – schließen eine ähnliche Entwicklung aber nicht aus.
Sollten weitere Zentralbanken ihre Reservestrategie anpassen und – wie im Modell der Bank skizziert – nur einen geringen zusätzlichen Anteil ihrer Bestände in Gold umschichten, könnte dies das verfügbare physische Angebot spürbar verknappen. Gleichzeitig könnte der Druck auf die am Terminmarkt gehandelten Positionen zunehmen, wenn physische Auslieferungen stärker gefragt sind.