Nach einer langen Durststrecke mehren sich die Anzeichen, dass Rohstoffe an der Schwelle zu einem neuen Superzyklus stehen könnten. Die Kombination aus knapper werdendem Angebot, steigender Nachfrage durch Energiewende und Digitalisierung sowie geopolitischen Spannungen schafft ein Umfeld, das für einen nachhaltigen Preisanstieg spricht.
Ein Blick zurück zeigt: Frühere Superzyklen wurden stets durch große Umbrüche ausgelöst – die Ölkrisen und lockere Geldpolitik der 1970er, oder Chinas gigantischer Urbanisierungsschub in den 2000ern. Heute sind es andere Treiber, die aber in Summe eine ähnliche Dynamik entfalten könnten.
Angebotsengpässe und geopolitische Hebel
Auf der Angebotsseite wird deutlich, dass die Welt von wenigen Regionen abhängig ist: Chile und Peru liefern über 40 % des weltweiten Kupfers, Australien und Brasilien dominieren den Eisenerzmarkt, und Kasachstan steht für rund 40 % der globalen Uranförderung. Hinzu kommt, dass China bei der Weiterverarbeitung eine beinahe monopolartige Stellung hat – etwa bei seltenen Erden oder auch bei Kupferraffination.
Die Kehrseite dieser Konzentration: Rohstoffe werden zunehmend als geopolitisches Druckmittel eingesetzt. So schränkte China 2025 vorübergehend den Export seltener Erden ein. Gleichzeitig werden Handelsabkommen zunehmend mit Energiesicherheit verknüpft – wie bei US-LNG-Lieferverträgen mit der EU oder Südkorea. Damit baut sich ein dauerhafter Risikopuffer in den Märkten auf, der sich jederzeit in Preisschocks entladen kann.
Erschwerend kommt hinzu, dass die leicht zugänglichen und hochgradigen Lagerstätten größtenteils bereits erschlossen sind. Neue Projekte sind teuer, die Erzgehalte sinken und Genehmigungsprozesse ziehen sich über Jahre, oft über ein Jahrzehnt hinaus. Viele große Bergbaukonzerne haben zudem lange Zeit lieber Dividenden ausgeschüttet, anstatt in neue Projekte zu investieren – was die Angebotslücke noch verstärkt.
Nachfrageboom durch Energiewende und KI
Auf der Nachfrageseite sorgt die globale Elektrifizierung für Rückenwind. Der Ausbau erneuerbarer Energien, Stromnetze und Elektromobilität verschlingt enorme Mengen an Kupfer, Silber und anderen Metallen. Kupfer gilt inzwischen als „kritisches Mineral“ – laut Internationaler Energieagentur könnte schon 2035 eine Versorgungslücke von rund 30 % klaffen, wenn nicht massiv investiert wird.
Doch nicht nur die Energiewende sorgt für Druck. Auch die großen Tech-Konzerne investieren hunderte Milliarden Dollar jährlich in Rechenzentren für Künstliche Intelligenz. Diese Anlagen verschlingen gewaltige Mengen Strom – und damit auch Metalle für Netze und Infrastruktur. Für die Unternehmen ist der Zugriff auf Energie und Rohstoffe existenziell, was die Nachfrage krisenresistenter macht.
Rückenwind von der Finanzseite
Interessanterweise sind viele Rohstoffe – inflationsbereinigt – noch weit von früheren Höchstständen entfernt. Öl und der breite Bloomberg Commodity Index liegen rund 70 % unter ihren Spitzenwerten von 2008, Kupfer notiert etwa 30 % unter dem Hoch von 2011. Ganz anders die Aktienmärkte: Der S&P 500 hat seit der Finanzkrise – selbst nach Inflation – beinahe verdreifacht.
Gleichzeitig verlieren Anleihen zunehmend ihre Funktion als Absicherung im Depot, weil die Inflation hartnäckig bleibt und die Zentralbanken kaum Spielraum für aggressive Zinssenkungen haben. Das öffnet die Tür für Rohstoffe als neue Stabilisatoren in Portfolios – Gold hat diese Rolle bereits zurückerobert.
Fazit: Vieles deutet auf den Beginn eines neuen Superzyklus hin
Obwohl der genaue Startzeitpunkt kaum zu bestimmen ist, zeigt die Gemengelage Parallelen zu früheren Superzyklen. Sobald die Dynamik einmal in Gang kommt, hält sie oft jahrelang an – beendet meist nur durch drastische Maßnahmen wie die Zinsschocks der 1980er oder technologische Sprünge wie das US-Schieferöl.
Der Mix aus knapperem Angebot, strukturell wachsender Nachfrage und geopolitischen Risiken könnte jetzt genau die Zutaten liefern, die einen neuen Rohstoff-Superzyklus auslösen. Für Investoren heißt das: Rohstoffe könnten schon bald wieder ins Zentrum rücken – nicht nur als Inflationsschutz, sondern auch als strategischer Wachstumstreiber.