Noch vor wenigen Jahren galt die Kernenergie als eine Energieform, die ihre besten Jahre hinter sich zu haben schien. Zahlreiche Staaten hatten beschlossen, ihre bestehenden Kernkraftwerke stillzulegen und anstelle des Atomstroms lieber auf andere Energieformen zu setzen. Deutschland war eines dieser Länder. Heute ist es das einzige Industrieland, das diesen Weg noch geht. Denn jenseits der deutschen Grenzen hat längst ein Umdenken eingesetzt.
Dabei sind es nicht nur energiehungrigen Schwellen- und Entwicklungsländer, wie Indien und China, die auf mehr Kernkraft setzen und ihre Kapazitäten zur Erzeugung von Atomstrom immer weiter ausbauen. Auch in Europa hat ein Prozess des Umdenkens eingesetzt. Deutschland wurde von diesem zwar noch nicht erfasst, aber das ändert nichts daran, dass sich weltweit eine Entwicklung vollzieht, die klar auf eine Renaissance der Kernenergie hinweist.
Galt Atomstrom in den Jahren unmittelbar nach der Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 noch als zu teuer, zu riskant und zu unbeliebt, werden heute andere Schwerpunkte gesetzt, die das Uran und seine zivile Nutzung in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Heute gilt der Atomstrom deshalb in vielen Ländern wieder als Rettungsanker für die nationale Energiesicherheit. Er wird geschätzt, weil er die Staaten ihre Klimaziele erreichen lässt und gleichzeitig ein hohes Maß an geopolitischer Unabhängigkeit gewährt.
Die Kernkraft feiert außerhalb Deutschlands ihre Renaissance
Deutschlands Nachbarland Belgien beispielsweise wollte eigentlich bis 2025 vollständig aus der Kernenergie aussteigen. Dieser Plan wurde in der Zwischenzeit wieder aufgegeben und die Laufzeiten der Reaktoren um mindestens zehn Jahre verlängert. Polen, das bislang bei der Stromerzeugung vor allem auf die heimische Kohle gesetzt hat, plant ebenfalls mit der Kernenergie. Gleich mehrere Großprojekte sind in Planung. Sie sollen ihren Teil dazu beitragen, dass die Abhängigkeit von der Kohle reduziert wird und die EU-Emissionsziele erreicht werden können.
Von ihren Ausstiegsplänen Abschied genommen haben auch die Schweden und das schwedische Parlament hat in diesem Jahr ein neues Atomgesetz verabschiedet, das den Weg für den Wiedereinstieg und die Nutzung von modernisierten Großreaktoren wie auch neuen kleineren modularen SMR-Neubauten frei macht.
Einen ähnlichen Weg könnte auch Italien beschreiten. Das Land hat sich zwar im Jahr 1987 in einem Volksentscheid gegen die Kernenergie ausgesprochen und war seitdem atomfrei, doch in Rom wird bereits an einem Wiedereinstieg gearbeitet. Dieser soll bis 2030 zunächst mit kleineren SMR-Reaktoren vollzogen werden. Innerhalb der EU ist Deutschland damit das einzige Land, das der Kernenergie keine zweite Chance einräumen will.
Zunehmende Elektrifizierung und neue KI-Anwendungen
Wie lange Deutschland diesen einsamen Sonderweg noch beschreiten will, bleibt abzuwarten. Aktuell sind nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA weltweit 416 konventionelle Atomkraftwerke in Betrieb. Sie stehen für rund zehn Prozent der globalen Stromproduktion und jedes dieser Kraftwerke hat in der Regel eine Leistung von einem elektrischen Gigagwatt (GWe) oder mehr.
Zu den Ländern, die besonders stark auf die Kernenergie setzten, gehören Frankreich und die Vereinigten Staaten. Beide zählen auch zu den Staaten, in denen das Bewusstsein für die Sicherheit der Uranversorgung derzeit besonders stark ausgeprägt ist. In den USA wurde in den letzten Jahrzehnten der Fehler gemacht, die Uranminen im eigenen Land verkümmern zu lassen. Die Produktion war nach Fukushima vor dem Hintergrund der massiv rückläufigen Uranpreise nicht mehr konkurrenzfähig und die Entwicklung neuer Vorkommen wurde gar nicht erst im großen Stil angegangen.
Frankreich hat sich bei der Belieferung seiner zahlreichen Atomkraftwerke lange Zeit vor allem auf seine ehemaligen Kolonien in Westafrika verlassen. Dort ist man heute auf die alte Kolonialmacht allerdings nicht mehr so gut zu sprechen wie noch vor wenigen Jahren und die Regierungen in Mali, im Senegal und im Niger liefern das in ihren Ländern geförderte Uran inzwischen lieber nach China und Russland als nach Frankreich.
Die Not der Kraftwerksbetreiber ist eine Chance für Investoren
Beide Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass die Versorgung der westlichen Kernkraftwerke mit neuen Uranbrennstäben bei weitem nicht mehr so sicher ist wie noch zu Beginn des Jahrhunderts. Aufgeschreckt durch Sanktionen, Exportverbote und den Krieg in der Ukraine beginnt erst jetzt ein langsames Umdenken. Nicht nur in den USA, aber dort ganz besonders, wird in einem atemberaubenden Tempo viel Geld in die Hand genommen, um neue Uranvorkommen zu erschließen und die Versorgung der eigenen Atommeiler mit dem nötigen Brennstoff langfristig zu sichern.
Zwei Gefahren drängen dabei zur Eile. Die erste Gefahr besteht in der Begrenztheit der aktuell verfügbaren Uranvorkommen. Die Menge des in ihnen enthaltene Urans ist viel zu gering, um allein die 416 Kernkraftwerke, die derzeit bereits am Netz sind, langfristig mit ausreichend Brennstoff zu versorgen. Es sind aber noch viele weitere Kraftwerke in Planung und im Bau. Auch sie wollen spätestens in den 2030er Jahren mit Uran versorgt werden, von dem derzeit noch niemand so recht weiß, wo es denn herkommen soll. Die aufgrund der extrem niedrigen Uranpreise über Jahre hinweg unterlassene Exploration neuer Lagerstätten rächt sich an dieser Stelle bitter.
Ebenfalls kritisch ist die zweite Gefahr: Die Abhängigkeit von Uranlieferungen aus Kasachstan, Mali, dem Niger oder Russland gilt zunehmend als ein Risiko. Dieses gilt es, zu vermeiden. Das kann nur geschehen, indem in politisch stabilen Regionen wie Kanada, Australien und den USA selbst stillgelegte Produktionsstätten wieder in Betrieb genommen werden und die Exploration neuer Lagerstätten zeitgleich mit Nachdruck vorangetrieben wird.
Die Versäumnisse der Vergangenheit und der aus ihnen resultierende Druck auf die Kraftwerksbetreiber und die westlichen Regierungen sind allerdings auch Chancen. Sie werden von den Investoren genutzt werden, die ohne ideologische Scheuklappen auf jene Bereiche des Rohstoffsektors setzen, die auf Jahre hinaus von massiven Defiziten zwischen Angebot und Nachfrage gekennzeichnet sein werden. Man muss den Uransektor nicht mögen, aber er ist gewiss einer von ihnen.