Einen offiziellen Silberpreis gibt es nicht, denn es gibt im Grunde gleich mehrere Preise für Silber, die alle für sich in Anspruch nehmen, den realen Verkaufspreis abzubilden. Die bekanntesten dieser Preise sind die täglichen Kursfeststellungen an den westlichen und östlichen Metallbörsen. Doch obwohl nur drei große Metallbörsen an dieser Stelle das Bild bestimmen, waren die Unterschiede zwischen den Kursfeststellungen in London, New York und Shanghai in den vergangenen Monaten bereits mehr als auffällig, wobei die günstigsten Preise stets an der LMBA in London und an der Comex in New York zu verzeichnen waren.
Im Gegensatz dazu wurde das in Shanghai verfügbare Silber immer mit einem Aufschlag gehandelt. Marktbeobachter haben die anhaltenden Aufpreise in Shanghai damit begründet, dass das an der chinesischen Börse verkaufte Silber tatsächlich physisch verfügbar sein muss, während es in London und New York für einen Verkäufer reicht, einfach nur das Versprechen abzugeben, dass das Silber, das man verkauft, auch physisch vorhanden sei.
Seit einigen Monaten treibt die Marktteilnehmer deshalb die Frage um, welcher Silberpreis denn nun der „korrekte“ ist. Diese Frage ist in der letzten Woche nochmals komplizierter geworden, denn mit Helca Mining und First Majestic Silver haben gleich zwei große Silberproduzenten ihre Bücher geöffnet und die Zahlen für das 4. Quartal 2025 veröffentlicht. Diese Zahlen waren nicht nur sehr gut, sondern sie enthielten auch hinsichtlich der Frage nach dem „richtigen“ Silberpreis einiges an Sprengkraft.
Welcher Silberpreis ist der richtige?
Diese Sprengkraft kam ganz unscheinbar in Form einer kleinen Randnotiz daher. So meldete First Majestic Silver für das vierte Quartal 2025 nicht nur eine Rekordsilberproduktion von 4,2 Millionen Unzen, sondern auch einen um 60% gestiegenen Quartalsumsatz von 463,9 Millionen US-Dollar aus dem sich ein Rekordcashflow vom 301,0 Millionen US-Dollar oder 0,61 US-Dollar je Aktie ergab.
Der Nettogewinn stieg dadurch auf um 182,0 Millionen US-Dollar auf 250,4 Millionen US-Dollar an. Er fiel auch deshalb so hoch aus, weil es First Majestic Silver gelungen war, sein Silber im letzten Quartal zu einem Durchschnittspreis von 69,74 US-Dollar zu verkaufen. Zu einem derart hohen Preis wurde das Silber im letzten Jahr jedoch weder in London noch in New York durchschnittlich gehandelt.
Erst in den allerletzten Tagen des Jahres 2025 drang der Silberpreis in diese hohen Gefilde vor. Gemittelt über das gesamte 4. Quartal lag der Silberpreis an der Comex nur bei 55,20 US-Dollar. Oder anders ausgedrückt: First Majestic Silver hat sein Silber außerhalb der Comex verkauft und dafür einen Aufschlag von 26% gegenüber dem gleichzeitigen Preis an der Comex realisiert.
Silber nicht in New York oder London zu verkaufen, ist deutlich attraktiver
Mit durchschnittlich 69,29 US-Dollar fiel der Durchschnittspreis, den Hecla Mining im 4. Quartal erzielt hat, nur unwesentlich niedriger aus als der Erlös, den First Majestic Silver für sich verbuchen konnte. Auch Hecla erzielte somit außerhalb der Börse einen Verkaufspreis, der um etwa 14 US-Dollar oder 26 Prozent über dem Referenzpreis einer der wichtigsten Silberbörsen der Welt lag.
Im letzten Quartal wandten sich damit zwei der wichtigsten und größten primären Silberproduzenten der Welt von der Comex und ihrem offiziellen Silberpreis ab und hatten mit dieser Strategie einen sehr großen Erfolg, denn es gelang ihnen in beiden Fällen, Verkaufserlöse zu erzielen, die mit 25 bis 26 Prozent signifikant über dem „offiziellen“ Verkaufspreis der wichtigsten westlichen Metallbörsen lag.
Das deutet darauf hin, dass sowohl die LMBA in London als auch die Comex in New York nicht mehr als die „richtigen“ Orte zur Preisfindung angesehen werden können, weil die Käufer physischen Silbers notgedrungen Aufschläge von 26 Prozent zu zahlen bereit sind. Würde in New York mehr als nur ein nicht mehr belastbares Versprechen gehandelt, könnte jeder Käufer das von ihm benötigte Silber an der Comex mit einem Rabatt von 25 Prozent kaufen.
Die Papierbörsen in London und New York verlieren Leuchtturmfunktion
An dieser Stelle wird somit auch für Außenstehende eine Entwicklung deutlich, die von intimen Kennern des Silbermarktes schon lange erwartet wurde: Die Preise für Papiersilber und echtes, physisch verfügbares Silber driften massiv auseinander. Die Differenz zwischen den beiden Preisen war mit einem Aufschlag von 25 bis 26 Prozent im 4. Quartal 2025 schon gewaltig.
Sie könnte in diesem, noch recht jungen Jahr nochmals deutlich angestiegen sein, denn Ende Januar hat die Comex durch eine mehrmalige kräftige Anhebung ihrer Marginanforderungen innerhalb weniger Tage einen Absturz des Silberpreises um 30 Prozent hervorgerufen. Ihm standen weder eine kurzfristige massive Erhöhung des physischen Silberangebots noch ein starker Einbruch der physischen Silbernachfrage gegenüber.
In gut drei Monaten, wenn die großen primären Silberproduzenten ihre Zahlen für das 1. Quartal 2026 vorlegen werden, kennen wir möglicherweise bereits die Antwort auf die entscheidende Frage der nächsten Wochen: Gehen der physische Silberhandel und der Papierhandel an der Comex und der LMBA in London in Zukunft getrennte Wege?
Noch ist es zu früh, um diese Frage jetzt schon endgültig zu beantworten. Doch überraschen kann eine positive Antwort inzwischen nicht mehr.