Der Silbermarkt erlebt 2025 ein Ausnahmewachstum – und zugleich eine strukturelle Schieflage. Während der Silberpreis im Oktober ein neues Allzeithoch markierte und von Jahresbeginn bis 6. November um rund 67 % zugelegt hat, bleibt der Markt trotz rückläufiger Nachfrage in einem deutlichen Angebotsdefizit.
Laut aktuellen Zahlen von Metals Focus, vorgestellt beim jährlichen Silver Industry Dinner des Silver Institute in New York, steuert der Silbermarkt damit auf das fünfte aufeinanderfolgende Angebotsdefizit zu. Getrieben wird die Entwicklung von einer Kombination aus geopolitischen Spannungen, US-Handelspolitik, Sorgen um Staatsverschuldung und der Einstufung von Silber als „kritischen Rohstoff“ durch die US-Regierung. Dies hat den Status von Silber als Anlage- und Diversifikationsmetall in vielen Portfolios spürbar gestärkt.
Institutionelle Investoren betrachten Silber wieder verstärkt als eigenständige Anlageklasse
Am 17. Oktober erreichte der Silberpreis mit 54,48 US-Dollar je Feinunze einen neuen Rekordstand. Obwohl es danach zu Gewinnmitnahmen kam, hielt sich der Preis über weite Strecken oberhalb von 47 US-Dollar – ein Hinweis auf die Robustheit des aktuellen Marktumfelds. Seit Jahresbeginn schlägt Silber damit nicht nur den Goldpreis, der im gleichen Zeitraum um etwa 52 % anzog, sondern auch den US-Aktienindex S&P 500, der um rund 14 % zulegte.
Ein weiterer wichtiger Indikator: das Gold-Silber-Verhältnis. Nachdem dieses Verhältnis im April noch über 107 lag, ist es bis Oktober auf etwa 78 gefallen – den niedrigsten Stand seit Juli 2024. Ein sinkendes Verhältnis bedeutet, dass Silber gegenüber Gold an relativer Stärke gewinnt. Metals Focus interpretiert dies als Hinweis darauf, dass institutionelle Investoren Silber wieder verstärkt als eigenständige Anlageklasse wahrnehmen.
Parallel dazu verzeichneten silbergedeckte Exchange Traded Products (ETPs) einen deutlichen Zufluss. Die Bestände stiegen bis 6. November um rund 18 %, was einem Nettozuwachs von etwa 187 Mio. Unzen entspricht. Ein Großteil dieser ETP-Bestände liegt in London, was maßgeblich zur beobachteten Liquiditätsverknappung im Oktober beigetragen haben dürfte.
Nachfrage geht zurück – Silbermarkt bleibt dennoch im Defizit
Trotz der starken Preisentwicklung und der hohen Anlegernachfrage zeigen die klassischen Nachfragesektoren im Silbermarkt ein anderes Bild. Insgesamt wird die globale Silbernachfrage 2025 laut Prognose von Metals Focus um etwa 4 % auf rund 1,12 Mrd. Unzen sinken. Alle wichtigen Segmente – Industrie, Schmuck, Silberwaren, Barren und Münzen – dürften demnach Rückgänge verzeichnen.
Im industriellen Bereich, traditionell der größte Nachfrageblock, wird ein Rückgang um etwa 2 % auf 665 Mio. Unzen erwartet. Hier schlagen die Unsicherheiten durch Handelskonflikte, Zölle und geopolitische Spannungen zu Buche. Hinzu kommt ein verstärktes „Thrifting“, also der Versuch von Herstellern, den Silberanteil in Produkten angesichts der hohen Preise zu reduzieren.
Besonders sichtbar ist dieser Trend im Bereich der Photovoltaik. Zwar sollen die weltweit neu installierten PV-Kapazitäten 2025 erneut ein Rekordniveau erreichen, doch der Silberbedarf je Modul ist weiter gesunken. In Summe wird daher erwartet, dass die PV-Industrie rund 5 % weniger Silber benötigt als im Vorjahr.
Teilweise kompensiert wird dies durch Wachstumsfelder wie die Ausstattung von Rechenzentren für Künstliche Intelligenz sowie weiter steigende Verkäufe von Elektrofahrzeugen – wenn auch nicht mehr so dynamisch wie noch vor einigen Jahren angenommen.
Schmuck, Silberwaren und Investmentnachfrage unter Druck
Auch im Schmuck- und Silberwarensegment zeigt sich 2025 eine abgeschwächte Nachfrage. Der Verbrauch für Silberschmuck wird laut den vorgestellten Daten um etwa 4 % zurückgehen, während der Bereich Silberwaren (bestehende Produkte, Geschenkartikel etc.) sogar ein Minus von rund 11 % aufweisen dürfte.
Ein wesentlicher Faktor ist hier der indische Markt, der in beiden Kategorien eine Schlüsselrolle spielt. In Indien notiert der Silberpreis in Rupie gerechnet seit längerer Zeit auf Rekordniveaus – deutlich früher, als der internationale Silberpreis vergleichbare Höhen erreicht hat. Dies dämpft die Kauflaune in der Breite, obwohl Silber traditionell fest in der lokalen Schmuck- und Geschenkekultur verankert ist.
Die physische Investmentnachfrage in Form von Barren und Münzen wird für 2025 auf etwa 182 Mio. Unzen geschätzt. Das wäre der niedrigste Stand seit sieben Jahren und entspricht einem Rückgang von rund 4 % gegenüber 2024. Hier stehen starke Verkäufe und Gewinnmitnahmen privater Anleger in den USA einem robusten Nachfrageverhalten in anderen Märkten gegenüber.
In Indien etwa greifen Investoren laut Metals Focus trotz hoher lokaler Preise weiter zu – in der Erwartung, dass das Preisniveau im Verlauf von 2025 tendenziell eher höher als niedriger ausfallen könnte. Auch in Deutschland und Australien bleibt die Nachfrage nach physischen Silberinvestments relativ stabil bis leicht steigend.
Angebot, Recycling und strukturelles Defizit im Silbermarkt
Auf der Angebotsseite ist die Lage im Silbermarkt weniger dynamisch. Die weltweite Minenproduktion wird für 2025 mit 813 Mio. Unzen veranschlagt, praktisch unverändert gegenüber dem Vorjahr. Höhere Fördermengen aus Mexiko und Russland sollen dabei rückläufige Produktion in Peru und Indonesien ausgleichen.
Der Anteil der primären Silberminen an der Gesamtproduktion wird auf rund 227 Mio. Unzen geschätzt, was einem leichten Zuwachs gegenüber dem Vorjahr entspricht und etwa 28 % der weltweiten Förderung ausmacht. Mexiko bleibt der wichtigste Produzent: Dort wird ein Anstieg auf etwa 186 Mio. Unzen erwartet. Gründe sind unter anderem die Wiederinbetriebnahme der Tizapa-Mine nach einem längeren Arbeitskampf, das Anlaufen des Terronera-Projekts von Endeavour Silver sowie höhere Beiträge von Southern Copper.
Die durchschnittlichen All-in Sustaining Costs (AISC) der Branche lagen im ersten Halbjahr 2025 bei rund 13 US-Dollar je Unze und damit etwa 9 % unter dem Vorjahreswert – trotz gestiegener Abgaben und Steuern. Gleichzeitig sorgte der höhere Silberpreis dafür, dass die Margen im historischen Vergleich deutlich ausgeweitet wurden.
Auf der Sekundärseite wird ein leichter Anstieg beim Recycling erwartet. Insgesamt soll das recycelte Silbervolumen um etwa 1 % zulegen und damit den höchsten Stand seit 13 Jahren erreichen. Besonders in westlichen Märkten wird verstärkt Silberware eingeschmolzen, während das industrielle Recyclingschrottaufkommen eher verhalten ist.
In der Gesamtbilanz ergibt sich für 2025 dennoch ein klarer Angebotsengpass: Metals Focus rechnet mit einem Marktdefizit von rund 95 Mio. Unzen Silber. Damit schreibt der Silbermarkt das Kapitel struktureller Unterversorgung fort – bereits seit 2021 summieren sich die Defizite auf nahezu 820 Mio. Unzen.
Für Marktbeobachter liefert diese Entwicklung eine Erklärung für die jüngsten Preisspitzen und die zeitweise angespannte Liquidität, etwa an der CME, in deren Lagerhäusern im Zuge von Zoll- und Handelsthemen rekordhohe Mengen Silber angeliefert wurden.