Am Ende des 20. Jahrhunderts standen viele westliche Notenbanken beim Gold noch auf der Verkäuferseite. Die Bank of England schaffte es unter dem späteren Premierminister Gordon Brown sogar, das britische Staatsgold auf dem absoluten Tief zu verkaufen. In Deutschland waren viele damals froh, dass sich die Bundesbank an diesen unsinnigen Goldverkäufen nicht beteiligte.
Nach dem Platzen der Dotcom-Blase und auch als Folge des stetigen Anstiegs des Goldpreises ließen die Goldverkäufe der Notenbanken in den ersten zehn Jahren des neuen Jahrhunderts zunächst nach und kamen schließlich ganz zum Stillstand. Es bedurfte allerdings erst der Finanzkrise, um die Notenbanken weltweit wieder in das Lager der Goldkäufer zu treiben.
Großer Vorreiter bei dieser Entwicklung war die Peoples Bank of China, denn die chinesische Notenbank hatte während der Finanzkrise erkannt, dass ihre hohen US-Dollar basierten Reserven keinen optimalen Schutz darstellten. Seitdem war die Peoples Bank of China unter den Notenbanken einer der größten und beständigsten Goldkäufer und ist es auch noch heute.
Die Vorbildfunktion der Peoples Bank of China und anderer Notenbanken
Die Notenbanken vieler anderer Staaten folgten diesem Beispiel. Auch sie kauften Gold. Zwar nicht so viel und nicht so beständig wie die chinesische Zentralbank, doch sie kauften Gold. Besser sollte man an dieser Stelle vielleicht sagen: Sie kauften nur Gold.
Denn während im 19. Jahrhundert viele Notenbanken auch signifikante Silberreserven anlegten, spielte der kleine Bruder des Goldes im 20. Jahrhundert in den Reserven der Notenbanken keine Rolle mehr. Diese Tendenz hat sich praktisch bis in die Gegenwart hinein fortgesetzt.
Es wird also Gold gekauft, während andere Edelmetalle wie Silber, Platin, Palladium oder Rhodium als Reservemetalle für die Notenbanken keine Rolle spielen. Eine gewissen Vorbildfunktion hatten dabei nicht nur die Notenbanken untereinander, sondern auch gegenüber den Privatanlegern und den institutionellen Großanlegern. Auch sie kauften, wenn überhaupt, primär das Gold.
Werden wir Zeuge eines Paradigmenwechsels beim Silber?
In diesen Tagen lässt jedoch die Meldung aufhorchen, dass die saudische Zentralbank erstmals Silber gekauft hat. Publik wurde der Kauf durch die SEC-Meldungen. Aus ihnen geht hervor, dass die Notenbank des Königreichs rund 932.000 Anteile des iShares Silver Trust (SLV) im Wert von 30,6 Millionen US-Dollar sowie 203.700 Anteile des Global X Silver Miners ETF (SIL) im Wert von 9,8 Millionen US-Dollar gekauft hat.
Der Schritt ist absolut ungewöhnlich und bemerkenswert. Mit einem Gesamtvolumen von 40,6 Millionen US-Dollar ist die Investitionssummer für eine Notenbank zwar gering, doch eine Signalwirkung könnte auch diesem Kauf zukommen. An physischem Silber wurden lediglich 90 Tonnen Silber gekauft. Ebenso gut hätten die Saudis auch rund eine Tonne Gold kaufen können.
Dass sie es nicht getan haben, ist der eine Teil der Botschaft. Der andere Teil betrifft den Kauf der Minenaktien über den Global X Silver Miners ETF. Auch hier ist nicht nur bemerkenswert, dass man sich in Riad für den Kauf von Silberminen entschieden hat. Der Kauf von Aktien ist für Notenbanken nicht mehr ganz untypisch. Insbesondere die Notenbanken der Schweiz und Japans haben in der letzten Dekade immer wieder die Aktien von großen Technologiekonzernen gekauft.
US-Technologiegiganten zu kaufen ist nachvollziehbar, aber die viel, viel kleineren Silberminen? Auf die Idee sie zu kaufen, kam bislang noch keine Zentralbank. Während die Schweizer Nationalbank Apple-Aktien kaufte, nachdem diese schon recht hoch gestiegen waren, schlagen die Saudis nun bei den Silberminen zu und sie tun dies zu einem Zeitpunkt, an dem die Bewertungen und Kurse der Silberminen immer noch sehr niedrig sind.
Wird dieses Beispiel Schule machen?
Ob andere Notenbanken und später auch die institutionellen Fonds und Privatanleger diesem Beispiel folgen werden, ist eine der spannenden Frage, welche die Zukunft uns beantworten wird. Die Chance, mit dem physischen Silber und den Silberminen hohe Gewinne erzielen zu können, ist zumindest gegeben und sie ist sehr hoch.
Ein gutes Markttiming muss man den Saudis deshalb auf jeden Fall zugestehen. Ob der Kauf eines börsengehandelten ETFs das optimale Mittel ist, um diese Strategie umzusetzen, bleibt abzuwarten. An dieser Stelle könnte der Vorstoß der saudischen Notenbank durchaus noch einen gewissen Versuchs-Irrtums-Charakter aufweisen.
Dass dieser Weg beschritten wird, ist allerdings positiv zu werten. Er eröffnet neue Möglichkeiten und ist zugleich eine stillschweigende Anerkennung der Tatsache, dass in einem Ozean von ausfallgefährdetem Kreditgeld, die wahren und bleibenden Werte ohne jeden Forderungscharakter äußerst rar gesät sind.