Nur Papier-Silber reichlich vorhanden: COMEX-Lager -75% – Industrie jagt knappe Unzen

Silber Barren gestapelt

Weiterhin hoher Bedarf bei aktuell niedrigen Lagerbeständen. Auf diese kurze Formel lässt sich derzeit die Situation am Silbermarkt bringen. Neu ist der erhöhte Bedarf der Industrie durch KI-Anwendungen, die Solar- und Batterietechnik, Sensoren, Displays und Bildschirme nicht. 2025 war das fünfte Jahr in Folge, in dem die Silberproduktion der Minen nicht ausreichte, um die Nachfrage des Marktes zu decken.

Auf rund 800 Millionen Unzen Silber summiert sich inzwischen das Gesamtdefizit, das in den letzten fünf Jahren aus den Lagern entnommen wurde. Es liegt damit knapp unter der aktuellen Weltjahresproduktion, die sich auf 820 bis 835 Millionen Unzen beläuft. Da die Silberproduktion absolut unelastisch ist und nicht kurzfristig erhöht werden kann, müssen die fehlenden Unzen auch in diesem Jahr wieder aus den bestehenden Lagern genommen werde.

An dieser Stelle wird es allerdings problematisch, denn der Lagerabbau der letzten Jahre hat die noch vorhandenen Bestände inzwischen dramatisch reduziert. Enthielten die Lager der amerikanischen COMEX-Börse im Jahr 2020 noch 346 Millionen Unzen Silber, so ist dieser Bestand in der Zwischenzeit um dramatische 75 Prozent auf nur noch 82 Millionen Unzen zurückgegangen.

Der feine Unterschied zwischen „Eligible“ und „Registered“

Die Lager der Comex lassen sich in zwei Kategorien unterteilen. Als „Eligible“ werden jene Bestände bezeichnet, die privat in den Lagern gehalten werden. Sie sind einzelnen Besitzern klar zugeordnet und nur diese Besitzer beispielsweise Banken oder ETFs können über dieses Silber verfügen. Aus diesem Grund kann lediglich auf das Silber, das in der Kategorie „Registered“ verwaltet wird, zurückgegriffen werden, wenn der Käufer eines Future-Kontrakts die Möglichkeit einer physischen Auslieferung wählt.

Während der Lagerbestand in den letzten fünf Jahren in beiden Kategorien um 75 Prozent zurückgegangen ist, hat sich das Open Interest, also die Zahl der insgesamt ausstehenden Kontrakte, erhöht. Die Comex gerät damit in eine zunehmend prekärer werdende Lage, denn die Zahl der Kontrakte, die zur physischen Auslieferung angemeldet werden, hat sich in den letzten Monaten deutlich erhöht.

Damit nicht genug haben Banken und börsengehandelte Fonds, die mit physischem Silber hinterlegt sind, allein im ersten Halbjahr 2025 95 Millionen Unzen von der „Registered“- in die „Eligible“-Kategorie übertragen. Dieses Silber ist damit gesperrt und steht für zukünftige Auslieferungen nicht mehr zur Verfügung. An der Londoner LMBA ist die Lage ähnlich angespannt. Auch hier sind die Lagerbestände in der Zwischenzeit auf sehr niedrige Niveaus abgesunken.

Der Druck auf die Silberkäufer aus der Industrie steigt

Angespannt ist nicht nur die Situation der Metallbörsen. Auch die industriellen Käufer stehen zunehmend unter Druck. In der Vergangenheit verfügten sie im Durchschnitt über eigene Lagerbestände, die ihren Bedarf für etwa 120 Tage deckten. Heute wären die Unternehmen froh, wenn ihrer Materialpuffer immer noch diese komfortable Größe hätten und die eigene Produktion für ein weiteres Quartal sichern würden, denn die meisten Firmen verfügen nur noch über Lagerbestände, die ihren Bedarf für 30 bis 45 Tage decken.

An dieser Stelle entsteht ein Druck, der sich sehr leicht auf die Metallbörsen übertragen kann, denn ohne dieses Silber wird in vielen Betrieben die Produktion schnell stillstehen. Es ist vor diesem Hintergrund naheliegend, dass immer mehr Kontraktkäufer aus der Industrie in den nächsten Monaten auf eine Auslieferung des von ihnen gekauften Silbers drängen werden und ebenso ist zu erwarten, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun werden, um doch irgendwie noch an das benötigte Silber zu kommen, falls die westlichen Metallbörsen dieses Silber nicht liefern können.

Das weckt Erinnerungen an das Jahr 2000, als Ford fürchtete, für seine Katalysatoren nicht mehr genügend Palladium kaufen zu können. In einer Art Panikattacke kaufte der amerikanische Automobilhersteller deshalb damals den Palladiummarkt leer und trieb mit seinen Käufen den Palladiumpreis von 250 US-Dollar in der Spitze bis auf 1.000 US-Dollar je Feinunze.

Echtes Defizit oder künstliche Verknappung?

Der Preis kam anschließend schnell wieder zurück, weil Russland, das den Markt zuvor künstlich verknappt hatte, zu den erhöhten Preisen gerne wieder Palladium lieferte. Dieses Detail ist wichtig, denn anders als heute der Silbermarkt befand sich der Palladiummarkt im Jahr 2000 zu keinem Zeitpunkt tatsächlich in einem strukturellen Defizit.

Heute charakterisiert den Silbermarkt jedoch nicht nur eine künstliche Verknappung, sondern ein echtes und bereits seit fünf Jahren bestehendes strukturelles Defizit. Das ist ein feiner und sehr wichtiger Unterschied. Denn bei einem echten Mangel führen auch die höchsten Preise nicht dazu, dass in den Minen mehr Erz gefördert wird, aus dem man die benötigten Unzen gewinnen könnte.

Da der massive Crash vom letzten Freitag auch an den Minenaktien nicht spurlos vorübergegangen ist, bieten sich risikobewussten Investoren, die die Chancen in diesem Sektor nutzen möchten, derzeit wieder günstigere Einstiegschancen. Große Silberproduzenten wie First Majestic Silver, Minenentwickler wie Silver Tiger Metals oder Cerro de Pasco Resources sind daher durchaus wieder einen Blick wert.

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