Gold hat in den vergangenen Wochen einen spürbaren Rücksetzer erlebt, obwohl das makroökonomische Umfeld auf den ersten Blick eher Unterstützung für das Edelmetall hätte liefern können. Steigende Inflation und die Belastungen durch den Krieg mit Iran hätten eigentlich für eine stärkere Entwicklung sprechen können. Tatsächlich verlor Gold seit Beginn des Nahostkonflikts jedoch rund 16% an Wert und bewegte sich in den vergangenen vier Wochen weitgehend im Gleichlauf mit Risikoanlagen. Damit blieb die übliche Funktion des Edelmetalls als geopolitischer Schutzfaktor zunächst im Hintergrund.
Für die Analysten von Merrill ist diese Entwicklung jedoch kein Hinweis auf eine grundlegende Schwäche des Marktes. Sie sehen die jüngste Korrektur vor allem als Folge von Positionierungseffekten, veränderten Zinserwartungen und der Dollarentwicklung. Die strukturellen Faktoren, die Gold in den vergangenen Jahren getragen und den Preis zeitweise deutlich über 5.000 US-Dollar je Unze geführt haben, seien dagegen weiterhin vorhanden. Aus dieser Sicht bleibt die langfristige Tendenz für Gold nach oben gerichtet.
Dabei verweist man auch auf die außergewöhnlich starke Rally, die dem Rücksetzer vorausging. Seit 2022 war Gold vor allem durch anhaltend hohe Käufe der Zentralbanken und ein wieder anziehendes Interesse privater Anleger kräftig gestiegen. Im Januar wurde dabei sogar die Marke von 5.400 US-Dollar je Unze überschritten. Nach einer so starken Bewegung innerhalb kurzer Zeit seien Konsolidierungsphasen bei Rohstoffen historisch nicht ungewöhnlich. Genau ein solcher Prozess scheine sich derzeit bei Gold abzuspielen.
Gold leidet kurzfristig unter Renditen, Dollar und Gewinnmitnahmen
Aus Sicht von Merrill erklärt sich der jüngste Preisrückgang von Gold nicht durch eine Verschlechterung der fundamentalen Nachfragebasis, sondern durch mehrere kurzfristige Hindernisse. Eine wichtige Rolle spielten dabei Gewinnmitnahmen nach dem kräftigen Anstieg der vergangenen Jahre. Die Marktpositionierung hatte sich nach der historischen Rally immer stärker ausgedehnt. Als mit Ausbruch des Krieges die Risikoaversion zunahm, nutzten Marktteilnehmer Gold offenbar auch dazu, Liquidität freizusetzen.
Verstärkt worden sein könnte dieser Effekt durch ungewöhnlich niedrige Bargeldbestände institutioneller Investoren. Diese Reserven waren im Januar auf Rekordtiefs gefallen. In einem solchen Umfeld kann selbst ein klassischer sicherer Hafen wie Gold kurzfristig verkauft werden, wenn Marktteilnehmer an anderer Stelle Kapitalbedarf decken müssen. Die Preisbewegung erscheint deshalb aus Sicht von Merrill weniger als Vertrauensverlust in das Edelmetall, sondern eher als technische Reaktion auf die Marktstruktur.
Hinzu kamen höhere Renditen am Anleihemarkt. Nach Einschätzung der Experten haben die gestiegenen Energiepreise die Sorgen über die Inflation neu entfacht und dadurch die Erwartungen an die Geldpolitik verändert. Die Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen wurden nach hinten verschoben. An den Terminmärkten für Fed Funds werde inzwischen sogar eine nennenswerte Wahrscheinlichkeit eingepreist, dass der nächste Schritt der US-Notenbank theoretisch auch eine Zinserhöhung sein könnte. Wenn die Realrenditen steigen, erhöht sich aber der Opportunitätskostennachteil von Gold, da das Metall selbst keine laufenden Erträge abwirft.
Merrill sieht in der Dollarstärke einen zusätzlichen Gegenwind für Gold
Neben den Renditen nennt Merrill auch den wieder stärkeren US-Dollar als wichtigen Belastungsfaktor. Seit Beginn des Konflikts hat sich die US-Währung gefestigt, weil Investoren sich ihren eigenen sicheren Hafen gesucht haben. Der Dollar profitierte dabei von seiner klassischen Schutzfunktion in unsicheren Marktphasen. Für Gold ist das in der Regel problematisch, weil das Edelmetall historisch häufig gegenläufig zur Entwicklung des Dollar-Wechselkurses tendiert.
Diese Beziehung ergibt sich auch aus der Rolle des Goldes als Tauschmittel und Wertspeicher. Über viele Jahre wurde das Metall als Alternative zum Dollar betrachtet. Gewinnt die US-Währung deutlich an Stärke, sinkt häufig die relative Attraktivität von Gold. Genau dieses Muster hat nach Einschätzung von Merrill in den vergangenen Wochen zusätzlich auf den Preis gedrückt.
Auffällig ist dabei, dass sich Gold trotz geopolitischer Spannungen nicht so verhielt, wie es viele Investoren erwarten würden. Normalerweise profitiert das Edelmetall in unsicheren Zeiten von seiner Funktion als Absicherungsinstrument. Im aktuellen Marktumfeld wurde diese Rolle jedoch von den genannten Faktoren überlagert. Das führte zu einer Entwicklung, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheint: steigende Unsicherheit, aber fallende Goldpreise.
Die strukturellen Treiber für Gold bleiben laut Merrill bestehen
Trotz dieser kurzfristigen Belastungen bleibt Merrill für Gold langfristig konstruktiv. Man betont, dass die strukturellen Kräfte, die das Edelmetall in den vergangenen Jahren gestützt haben, weiter intakt seien. Dazu zählen die Analysten vor allem die hohen fiskalischen Defizite, die weiter Anlass zur Sorge geben. Zudem dürfte der US-Dollar aus ihrer Sicht seinen moderateren Trend wieder aufnehmen, sobald die aktuellen geopolitischen Spannungen nachlassen.
Ein weiterer Punkt betrifft die Zentralbanken. Diese hätten nach Einschätzung von Merrill nur wenig Anreiz, ihre Diversifizierung der Reserveanlagen zu beenden. Gerade diese Käufe hatten Gold seit 2022 maßgeblich unterstützt. Wenn die Unsicherheit rund um den Nahostkonflikt nachlässt, dürften sich diese grundlegenden Nachfragetreiber wieder stärker im Preis widerspiegeln.
Für Merrill ergibt sich daraus ein klares Bild: Der aktuelle Rücksetzer verändert nicht die langfristige Einordnung des Edelmetalls. Vielmehr erscheint die Korrektur als Phase der Konsolidierung nach einem außergewöhnlichen Preisanstieg. Gold bleibt aus Sicht des Hauses ein strategischer Diversifikator in ausgewogenen Portfolios. Die kurzfristigen Gegenwinde aus Renditen, Dollarstärke und Gewinnmitnahmen seien real, änderten aber nichts daran, dass die übergeordneten Argumente für das Edelmetall weiterhin Bestand haben.