Der Goldpreis unternimmt einen weiteren Versuch, den Widerstand im Bereich von 4.100 US-Dollar je Unze nachhaltig zu überwinden. Nach dem Rekordstand bei rund 4.360 US-Dollar im Vormonat hat sich der Markt zwar etwas abgekühlt, bleibt aber auf hohem Niveau. Gleichzeitig weist die Investmentbank Standard Chartered darauf hin, dass die zuletzt gestiegene Volatilität an den Aktien- und Kryptomärkten auch für den Goldpreis kurzfristig zum Belastungsfaktor werden könnte.
Während Gold gegenüber seinem Allzeithoch etwa 6 Prozent nachgegeben hat, fällt die Korrektur bei Bitcoin deutlich stärker aus. Die Kryptowährung testet Unterstützungen im Bereich von 85.000 US-Dollar pro Token und liegt damit rund 31 Prozent unter ihrem Höchststand. Für Suki Cooper, Global Head of Commodities Research bei Standard Chartered, bedeutet das jedoch nicht automatisch einen Vorteil für Gold. In ihrem aktuellen Kommentar warnt sie, dass bei anhaltendem Druck auf Aktienmärkte margin calls auch den Goldpreis treffen könnten, wenn Anleger liquide Positionen zur Deckung von Sicherheiten verkaufen müssen.
Goldpreis zwischen Widerstand, Fed-Unsicherheit und Marktrisiken
Der Goldpreis profitiert weiterhin von einer robusten Investitionsnachfrage, bekommt aber Gegenwind von der anhaltenden Unsicherheit über den künftigen Kurs der US-Notenbank. Standard Chartered geht davon aus, dass die Federal Reserve die Leitzinsen bei ihrer nächsten Sitzung unverändert lassen wird. Die jüngsten Sitzungsprotokolle deuteten auf eine ausgeprägte Zurückhaltung bei Zinssenkungen hin, betont Cooper. Hinzu kommt, dass wichtige Arbeitsmarktdaten für November erst nach der Sitzung veröffentlicht werden, was die Transparenz für die Notenbank weiter einschränkt.
In diesem Umfeld schwankt der Goldpreis in einer Spanne, ohne klaren Ausbruch nach oben oder unten. Auf der einen Seite wirken steigende Realzinsen und die Möglichkeit einer länger restriktiven Geldpolitik als Bremse für den Goldpreis. Auf der anderen Seite stützen geopolitische Risiken, fiskalische Sorgen in den USA und eine breit aufgestellte Investitionsnachfrage das Niveau oberhalb von 4.000 US-Dollar. Cooper sieht deshalb zwar wachsendes Abwärtspotenzial für den Goldpreis im Falle erneuter Turbulenzen an den Finanzmärkten, betont aber zugleich, dass die Risiken nach unten durch die Nachfragebasis begrenzt seien.
Goldpreis und Investorennachfrage: ETPs, physischer Markt und neue Anlegergruppen
Ein wesentlicher Treiber für den Anstieg des Goldpreises auf neue Rekordmarken im Oktober war laut Standard Chartered der starke Zufluss in goldgedeckte Exchange Traded Products. Die Zunahme der ETP-Bestände brachte zusätzliche Nachfrage in einen Markt, der bereits von anderen Faktoren gestützt wurde. Inzwischen haben sich die Zuflüsse zwar verlangsamt, doch die physische Nachfrage hat sich nicht so stark abgekühlt, wie es angesichts der hohen Preise zu erwarten gewesen wäre. Für den Goldmarkt und den Goldpreis ist dies ein Signal, dass die Fundamentallage weiterhin stabil bleibt.
Interessant ist aus Sicht von Cooper, dass sich auch die Struktur der Goldinvestoren verändert hat. Nach der Corona-Pandemie im Jahr 2021 hatten viele etablierte ETP-Investoren ihre Positionen reduziert und Gold eher taktisch eingesetzt. In der aktuellen Phase zeigt sich ein anderes Bild: Pensionsfonds und andere institutionelle Anleger, die bereits Gold halten, haben ihre Allokationen im dritten Quartal 2025 weiter erhöht, auch wenn die Gesamtpositionen noch unter früheren Spitzenwerten liegen.
Zudem wächst ein weiteres Segment, das für den Goldpreis wichtig werden könnte. In der Kategorie „Investment Advisor“, zu der auch Family Offices zählen, nimmt die Goldallokation weiter zu. Nach Einschätzung von Standard Chartered sind viele dieser neuen Anlegergruppen noch nicht in dem Umfang investiert, den sie langfristig anstreben. Die Belastbarkeit dieser neuen Goldinvestoren sei zwar noch nicht in einer ausgeprägten Korrekturphase getestet worden, doch deuten anekdotische Hinweise darauf hin, dass der Goldpreis in Zukunft zusätzliche Unterstützung aus diesem Bereich erhalten könnte.
In Summe zeichnet die Analyse von Standard Chartered ein differenziertes Bild für den Goldpreis. Kurzfristig könnte eine erneute Verkaufswelle an den Aktien- oder Kryptomärkten über margin calls Druck auf Gold ausüben, auch wenn das Edelmetall selbst nicht Auslöser der Verwerfungen ist. Mittel- bis langfristig bleiben jedoch die strukturellen Faktoren bestehen, die den Goldpreis in den vergangenen Quartalen gestützt haben: eine breite und wachsende Investorennachfrage, die Rolle von Gold als Absicherung gegen fiskalische und geopolitische Risiken sowie die zunehmende Akzeptanz hoher Preisniveaus jenseits von 4.000 US-Dollar je Unze. Wie sich der Goldpreis in diesem Spannungsfeld aus kurzfristigen Marktrisiken und langfristiger Nachfrage letztlich entwickelt, hängt maßgeblich davon ab, ob die aktuelle Konsolidierung als Zwischenschritt in einem fortgesetzten Aufwärtstrend oder als Beginn einer tieferen Korrektur zu werten ist.