Der Goldpreis hat zwar weiterhin seinen Status als defensives Anlageinstrument gegen wirtschaftliche Unsicherheit und Inflation, doch als klassischer „Krisengewinner“ bei konkreten geopolitischen Ereignissen wirkt das Edelmetall aus Sicht von Analysten aktuell nicht ganz so überzeugend. In einem neuen Rohstoffbericht argumentiert das britische Research-Haus Metals Focus, dass die jüngste Reaktion des Marktes auf die gemeinsame US-israelische Militäraktion gegen Iran dieses Muster erneut bestätige: Gold legte zunächst spürbar zu, konnte die Gewinne dann jedoch nicht halten.
Zu Wochenbeginn testete der Goldpreis laut Bericht kurzfristig einen Widerstandsbereich um 5.400 US-Dollar je Unze, als Investoren auf die Eskalation reagierten. Bis Donnerstagnachmittag fiel Gold jedoch wieder unter 5.100 US-Dollar je Unze. Metals Focus bezeichnet diese schnelle Umkehr als „enttäuschend“, hält aber gleichzeitig an einem konstruktiven Ausblick für die zweite Jahreshälfte fest – allerdings weniger wegen eines „Event-Spikes“, sondern aufgrund eines breiteren Makro- und Geopolitikbildes.
Metals Focus: Geopolitische Schocks treiben Gold selten dauerhaft
Die Kernaussage der Analysten ist, dass der Boost, den Gold in Phasen geopolitischer Spannungen häufig erhält, meist nur kurz anhält. Das gelte nach ihrer Einschätzung nicht nur für Gold, sondern grundsätzlich für viele Märkte – ausgenommen jene Assets, deren Angebot, Nachfrage oder Handel direkt vom jeweiligen Ereignis betroffen sind. Selbst bei länger andauernden Konflikten beobachte man oft eine rasch einsetzende „Investorenmüdigkeit“, wodurch die Nachfrage nach klassischen Safe-Haven-Anlagen wieder nachlasse. Metals Focus erwartet, dass dieses Muster auch im aktuellen Konfliktumfeld mit Iran erneut sichtbar werden könnte.
Gleichzeitig betont das Research-Haus einen Tail-Risk: Aufgrund der spezifischen Konstellation könnten die Dinge diesmal anders laufen. Der Markt preist also nicht nur das Basisszenario eines begrenzten Konflikts ein, sondern muss auch die Möglichkeit berücksichtigen, dass sich die Lage ausweitet und wirtschaftliche Folgen deutlich stärker durchschlagen als in früheren Episoden.
Straße von Hormus, Energiepreise und „12 Nationen“ als Eskalationsfaktoren
Als Hauptkanal, über den sich ein Konflikt in Iran stärker auf Märkte auswirken könnte, nennt Metals Focus das globale Energiesystem. Die Analysten verweisen auf wachsende Risiken für die Energieversorgung, wenn sich der Konflikt auf die Schifffahrt durch die Straße von Hormus auswirkt. Das ist insofern bedeutsam, als über diesen Engpass ein erheblicher Teil des globalen Öl- und Gasverkehrs läuft. Kommt es zu Störungen, können Preisreaktionen am Ölmarkt schnell und heftig ausfallen – mit möglichen Folgewirkungen auf Inflationserwartungen und Risikoaversion.
Hinzu kommt nach Darstellung von Metals Focus, dass bereits 12 Nationen in den Konflikt hineingezogen worden seien. Das erhöhe die Gefahr einer weiteren Regionalisierung oder Ausweitung, was in der Marktlogik den Absicherungsbedarf verstärken kann. Die Analysten formulieren damit ein Szenario, in dem der Goldpreis wieder stärker als Sicherheitsanker nachgefragt wird – allerdings nicht automatisch und nicht ohne Gegenkräfte.
Denn Metals Focus verweist zugleich auf einen zweiten, wichtigen Punkt: Es gebe wenig politische Unterstützung für einen weiteren langen Konflikt im Nahen Osten. Gerade in den USA seien die innenpolitischen Kosten eines langwierigen Einsatzes hoch.
Politischer Gegenwind in den USA: Risiko vor den Midterms
Metals Focus argumentiert, dass ein anhaltender oder außer Kontrolle geratener Krieg in Iran – zeitlich nah an den US-Zwischenwahlen – für die Republikanische Partei politische Risiken mit sich bringe. Wähler dürften die finanziellen und menschlichen Kosten sowie mögliche Folgen für die Inflation, insbesondere über steigende Ölpreise, kaum begrüßen. Aus dieser Perspektive erscheint ein Basisszenario plausibel, in dem der Konflikt begrenzt bleibt oder zumindest politisch begrenzt werden muss.
Für den Goldpreis leitet Metals Focus daraus ab: In einem solchen Umfeld könnte Gold zwar erneut die Allzeithochs vom Januar testen, es fehle aber wahrscheinlich die nötige Dynamik für anhaltende, stetige Kursgewinne. Anders gesagt: Ein Retest der Extremstände wäre in einem eskalierenden Moment denkbar, doch ohne zusätzliche, dauerhafte Treiber könnte der Markt erneut in eine volatile Seitwärtsphase zurückfallen.
Gleichzeitig bleibt die Tür für ein anderes Bild offen: Sollten klare Hinweise auf eine Konfliktausweitung auftreten oder Öl- und Energiemärkte spürbar gestört werden, sehen die Analysten ein Preisniveau von 6.000 US-Dollar je Unze als möglich an. Das wäre dann weniger ein gradueller Trend, sondern eine Reaktion auf eine deutlich verschärfte Risikolage.
Gold versus Treasuries: Safe-Haven-Konkurrenz und steigende Renditen
Interessant ist auch der Blick von Metals Focus auf die Rolle von US-Staatsanleihen. Die Analysten sehen Anzeichen dafür, dass Treasuries in der aktuellen Lage nicht in dem Maß Safe-Haven-Zuflüsse anziehen, wie es historisch häufig der Fall war. Zwar habe der US-Dollar in dieser Woche gewisse Zuflüsse erhalten, doch gleichzeitig seien die Renditen der 10-jährigen US-Anleihe wieder über 4% gestiegen.
Metals Focus wertet die begrenzten Treasury-Zuflüsse als zusätzliches Argument, dass die traditionelle Safe-Haven-Funktion von US-Staatsanleihen am Markt zumindest diskutiert wird. Das könne Gold gleich doppelt helfen: direkt, weil Gold mit Treasuries um defensives Kapital konkurriert, und indirekt, weil Zweifel an der Treasury-Rolle auch Rückwirkungen auf den Dollar haben können – und ein schwächerer Dollar ist für Gold typischerweise unterstützend.
Über den konkreten Iran-Schock hinaus bleibt Metals Focus daher insgesamt konstruktiv für den Goldpreis: Nicht, weil jeder geopolitische Impuls automatisch eine dauerhafte Rallye auslöst, sondern weil die Ereignisse die größere Gemengelage aus wirtschaftlicher Unsicherheit und geopolitischen Verschiebungen sichtbarer machen. Diese „Grundunsicherheit“ kann nach Ansicht der Analysten das Umfeld schaffen, in dem Gold über das Jahr hinweg wieder höhere Niveaus ansteuern kann – auch wenn einzelne Krisenreaktionen kurzfristig verpuffen.