Gold unternimmt derzeit einen neuen Versuch, die Marke von 4.000 USD je Unze signifikant hinter sich zu lassen. Nach Einschätzung der Analysten von ING, war und ist die jüngste Schwächephase jedoch Teil einer normalen Konsolidierung – die fundamentalen Treiber für Gold blieben intakt.
In ihrem monatlichen Update rechnen die Experten für das vierte Quartal weiterhin mit einem durchschnittlichen Goldpreis um 4.000 US-Dollar; zum ersten Quartal 2026 erwartet sie dann aber einen Anstieg des Durchschnittspreises (!) auf rund 4.100 US-Dollar. Maßgeblich seien die anhaltende Nachfrage der Zentralbanken, die Funktion des Edelmetalls als „Sicherer Hafen“ sowie eine mögliche Wiederaufnahme der ETF-Zuflüsse bei fortgesetzten Zinslockerungen in den USA.
Gold: Konsolidierung statt Trendbruch
Aus ING-Sicht ist die Korrektur am Goldmarkt nach der rasanten Rallye bis zu den Rekordständen des Vormonats ein überfälliger „Cooldown“. Trotz Rücksetzern liege der Preis seit Jahresbeginn deutlich im Plus. Entsprechend bewertet man diese Bewegung nicht als Trendwende, sondern als gesunde Marktbereinigung, die überdehnte Positionierungen abbaut. In einem Umfeld fortdauernder geopolitischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten bleibe Gold als Absicherungsbaustein gefragt – sowohl bei privaten als auch institutionellen Anlegern. Das bedeutet: Volatilität ist möglich, die tragenden Faktoren bleiben aber bestehen.
Zinsen, ETFs und Investmentnachfrage
Kurzfristig beeinflussen die Zinsaussichten das Sentiment. Äußerungen von Fed-Chef Jerome Powell, wonach eine Zinssenkung im Dezember nicht ausgemacht sei, bremsten zuletzt die Dynamik am Goldmarkt. Gleichwohl preist der Terminmarkt laut FedWatch-Daten weiterhin eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Lockerung ein. ING erwartet, dass ein anhaltender Zinssenkungszyklus die Opportunitätskosten des Haltens von Gold senkt und damit Investoren zurück in goldgedeckte ETFs führt.
Bereits im dritten Quartal trugen Erwartungen an niedrigere Zinsen zu kräftigen Zuflüssen bei: Nach Angaben des World Gold Council stiegen die globalen Bestände goldbesicherter ETFs zwischen Juli und September um 222 Tonnen. Auch die Nachfrage nach Barren und Münzen blieb robust – ein Hinweis, dass physisch orientierte Anleger die Konsolidierung nutzten.
Zentralbanken als stabiler Nachfragesockel
Eine zentrale Stütze für Gold ist die fortgesetzte Kauflust der Zentralbanken. Nach zwei Quartalen mit rückläufigem Tempo nahmen die Notenbanken ihre Aufkäufe im dritten Quartal wieder stärker auf: Rund 220 Tonnen gingen netto in staatliche Tresore – 28 % mehr als im zweiten Quartal und 6 % über dem Fünfjahres-Durchschnitt.
Neben den großen Dauerabnehmern rücken auch neue Akteure in den Blick: Südkoreas Zentralbank prüft laut Berichten die erste Goldaufstockung seit 2013; Serbiens Präsident kündigte an, die nationalen Goldreserven bis 2030 nahezu zu verdoppeln. ING interpretiert diese Entwicklung als strukturelle Verschiebung in der Reservepolitik – Gold werde als neutraler, liquidierbarer Vermögenswert stärker gewichtet.
Was dieser Ausblick für Gold bedeutet
Für die kommenden Monate zeichnet sich damit ein gemischtes, aber tendenziell unterstützendes Bild für Gold ab. Auf der einen Seite steht eine Konsolidierung nach Rekorden, die technisch bedingte Schwankungen mit sich bringt. Auf der anderen Seite wirken fundamentale Faktoren: Zentralbankkäufe bilden einen Boden, die physische Nachfrage bleibt solide und ein wahrscheinlicher weiterer Rückgang der US-Zinsen könnte Investmentströme in ETFs erneut beleben. ING erwartet deshalb im vierten Quartal durchschnittliche Preise um 4.000 US-Dollar und im ersten Quartal 2026 4.100 US-Dollar je Feinunze.
Entscheidend für die kurzfristige Richtung dürften die nächsten Signale der US-Notenbank, Daten vom US-Arbeitsmarkt sowie die Entwicklung des US-Dollars sein. Ein stärkerer Dollar kann den Goldpreis temporär bremsen; nach ING-Lesart überwiegt jedoch mittelfristig der Einfluss sinkender Realzinsen und die strukturelle Nachfrage von Notenbanken. Damit bleibt Gold im Fokus – als etabliertes Absicherungsinstrument und als Baustein, der in Phasen wachsender Unsicherheit Portfolioeffekte liefern kann.
Fazit: Trotz Gegenwind auf dem Weg über die Marke von 4.000 US-Dollar sieht ING die Gold-Story als intakt an. Kurzfristige Rücksetzer wertet die Bank als Teil der Konsolidierung, während strukturelle Nachfragequellen – Zentralbanken, physische Käufe und potenziell wieder anziehende ETF-Zuflüsse – einen tragfähigen Rahmen für den Jahreswechsel und den Start in das Jahr 2026 schaffen.