Trotz einer zuletzt vielfach als enttäuschend empfundenen Preisentwicklung bleibt Gold nach Einschätzung des World Gold Council ein Magnet für Investoren. Das Edelmetall habe zwar in jüngster Zeit einen klassischen „Safe-Haven-Bid“ nicht dauerhaft halten können, doch geopolitische Spannungen und veränderte makroökonomische Rahmenbedingungen sorgten weiterhin für anhaltendes Interesse.
Besonders sichtbar wird das laut dem jüngsten ETF-Flows-Report des Branchenverbandes bei den Zuflüssen in physisch hinterlegte Gold-ETFs: Der Februar brachte einen kräftigen Schub und verlängerte eine Serie, die bereits seit Monaten anhält.
Nach Angaben des World Gold Council verzeichneten global physisch hinterlegte Gold-ETFs im Februar Nettozuflüsse von 5,3 Milliarden US-Dollar. Damit sei es der neunte Monat in Folge mit positiven Nettozuflüssen – und zugleich der stärkste Jahresauftakt seit Beginn der Datenerfassung. Die globalen Bestände stiegen um 26 Tonnen auf 4.171 Tonnen. Parallel dazu trieben höhere Goldpreise das verwaltete Vermögen (Assets under Management, AUM) auf einen neuen Rekord von 701 Milliarden US-Dollar.
Gold-ETFs: Nordamerika dominiert, Asien zieht nach – Europa zunächst schwächer
Regional betrachtet kam der Großteil der Zuflüsse aus Nordamerika. Dort flossen im Februar 4,7 Milliarden US-Dollar in physisch hinterlegte Gold-ETFs. Damit setzte sich auch in dieser Region eine neunmonatige Phase mit Nettozuflüssen fort. Der World Gold Council ordnet eine derart anhaltende Nachfrage historisch als typisch für Phasen „erhöhten systemischen Risikos“ ein – und verweist in diesem Zusammenhang auf Vergleichsperioden wie die Globale Finanzkrise und die COVID-19-Pandemie.
Auch Asien blieb auf der Käuferseite: Die dortigen Gold-ETFs verbuchten im Februar 2,3 Milliarden US-Dollar an Zuflüssen, was eine sechsmonatige Serie positiver Nachfrage verlängert. Der Bericht nennt als Treiber insbesondere Japan, wo politische Unsicherheit, ein schwächerer Yen sowie eine starke Goldpreisentwicklung in lokaler Währung eine Rolle gespielt hätten.
Europa war dagegen die einzige Region mit Nettoabflüssen. Hier verzeichneten Fonds im Februar Rückgaben von 1,8 Milliarden US-Dollar. Der World Gold Council führt das vor allem auf Abflüsse zu Monatsbeginn zurück, die nach einem Edelmetall-Ausverkauf Ende Januar eingesetzt hätten. Allerdings drehten die Flows im weiteren Monatsverlauf wieder ins Positive, was der Bericht als Hinweis interpretiert, dass es sich nicht zwingend um eine längerfristige Verschiebung der Anlegerstimmung handeln müsse.
World Gold Council: Geopolitik als Impuls, Fundamentaldaten als Leitplanke
In einem Interview mit Kitco News hat ein Senior-Stratege des World Gold Council die Rolle geopolitischer Spannungen als wichtigen Treiber hinter dem anhaltenden Interesse an Gold hervorgehoben. Gleichzeitig setzt er eine klare Abgrenzung: Geopolitische Schocks könnten zwar kurzfristig starke Rallyes auslösen, die längerfristige Entwicklung von Gold hänge jedoch eher von grundlegenden Faktoren als von der unmittelbaren Marktreaktion auf einzelne Ereignisse ab.
Der Stratege beschreibt die Logik so, dass Kursgewinne nach systemischen Ereignissen besser einzuordnen seien, wenn der Markt deren Ausgang und Auswirkungen erfassen könne. In der aktuellen Situation, so seine Sicht, sprächen die Fundamentaldaten weiterhin dafür, dass der längerfristige Trend nicht einfach endet – auch wenn der Start in den neuen Monat zunächst schwächer ausgefallen sei. Ein zentrales Argument: In einem Umfeld voller Unsicherheit sei es schwierig nachzuvollziehen, warum der langfristige Aufwärtstrend ausgerechnet jetzt abrupt auslaufen sollte.
Volatilität steigt auf 25–30% – mehr Marktteilnehmer, schnellere Kapitalströme
Ein Schwerpunkt der Einschätzung betrifft die Volatilität. Der World Gold Council beobachtet, dass die annualisierte Schwankungsbreite am Goldmarkt zuletzt auf rund 25–30% gestiegen sei. Das liegt deutlich über einer lange etablierten Markterwartung von etwa 15%. Der Stratege des World Gold Council wertet diese Zunahme nicht nur als Risiko, sondern auch als Ausdruck wachsender Marktteilnahme: Höhere Volatilität könne anzeigen, dass mehr Investoren Gold als Anlageklasse nutzen und dass Kapitalbewegungen schneller geworden sind.
Er ordnet Volatilität in drei Kategorien ein. Erstens stehe sie für zunehmende Akzeptanz und Nutzung von Gold als Investment – steige das Tempo der Adoption, sei eine höhere Schwankungsbreite neben besserer Preisentwicklung nicht ungewöhnlich. Zweitens gebe es Momentum-Effekte, die er als eine Art „Überschwang“ beschreibt – Trader würden dafür häufig den Begriff FOMO (Fear of Missing Out) verwenden. Drittens betont er, dass sich die Preisschwankungen des gelben Metalls inzwischen stärker im Gleichlauf mit anderen Anlageklassen bewegen: Gold „tracke“ zunehmend wie andere Risiko-Assets, weil mehr Marktteilnehmer aktiv seien und Geld schneller umgeschichtet werde – und zwar in Gold und Silber.
Gleichzeitig macht er eine wichtige Einschränkung: Nicht jede Art von Volatilität sei wünschenswert. Strukturelle Störungen im Finanzsystem – etwa Transportengpässe, Zölle oder Probleme in der Marktinfrastruktur – könnten eine schwerer kalkulierbare Instabilität erzeugen. Das sei die Form von Volatilität, die er als besonders problematisch einstuft, weil sie „radikal unvorhersehbar“ sei und für Märkte schwerer vorzubereiten.
Strategische Rolle: ETF-Zuflüsse als Signal – Zentralbanken bleiben stabilisierend
Trotz kurzfristiger Turbulenzen sieht der World Gold Council in der Serie der ETF-Zuflüsse ein klares Signal: Investoren betrachten Gold weiterhin als strategisches Asset in einem Umfeld steigender geopolitischer Unsicherheit und sich wandelnder Makrobedingungen. Der Stratege erwartet, dass Gold auch in einem volatilen Marktumfeld ein wichtiger Diversifizierer bleibt – nicht zuletzt, weil Gold seiner Einschätzung nach inzwischen mehr ist als eine eindimensionale Anlage, die ausschließlich über Zins- und Realzinsmechanik erklärt werden kann.
Ergänzend verweist er auf den „offiziellen Sektor“: Obwohl Zentralbankkäufe von Gold im Vergleich zu den sehr hohen Spitzen der vergangenen drei Jahre nachgelassen hätten, sollte die Nachfrage der Zentralbanken weiterhin als stabilisierende Kraft wirken und langfristig Wert stützen.
Unterm Strich verbindet der World Gold Council zwei Beobachtungen, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken: Auf der einen Seite gelingt es Gold kurzfristig nicht immer, geopolitische Impulse in dauerhaft höhere Preise zu übersetzen. Auf der anderen Seite sprechen die Rekordzuflüsse in physisch hinterlegte Gold-ETFs, steigende globale Bestände und ein Rekordvolumen an verwaltetem Vermögen dafür, dass die strategische Nachfrage weiterhin hoch ist – und dass mehr Investoren als zuvor bereit sind, Gold trotz gestiegener Volatilität aktiv in Portfolios einzusetzen.