Der Goldpreis hat in der vergangenen Woche ein technisches Signal gesetzt und zugleich neue Nahrung für die Debatte um seine weitere Richtung geliefert. Nachdem das Edelmetall an seiner 200-Tage-Linie Unterstützung fand, beendete es eine drei Wochen anhaltende Verlustserie. Zum Wochenstart setzte sich diese Erholung mit Anschlusskäufen fort. Damit rückte die Frage in den Mittelpunkt, ob die schwächere Entwicklung im März eher eine Zwischenphase war als der Beginn eines dauerhaften Richtungswechsels.
Für die Commerzbank ist die Antwort klar: Die Preisentwicklung des Goldes im März passt aus Sicht der Analysten nicht zum fundamentalen Gesamtbild. Das Institut hält deshalb an einem positiven Ausblick für den Goldpreis fest und hat seine Prognosen für die Edelmetalle jüngst angehoben. Demnach soll Gold das laufende Jahr bei rund 5.000 US-Dollar je Unze beenden. Zuvor hatte die Schätzung noch bei 4.900 US-Dollar gelegen. Für Ende 2027 rechnet die Bank mit einem weiteren Anstieg auf 5.200 US-Dollar je Unze.
Goldpreis zwischen technischer Stabilisierung und makroökonomischem Gegenwind
ZodiacDie jüngste Erholung des Goldpreises ist vor dem Hintergrund eines schwierigen Marktumfelds bemerkenswert. In den vergangenen Wochen standen dem Edelmetall gleich mehrere Belastungsfaktoren entgegen. Dazu zählen steigende Renditen am Anleihemarkt, ein wieder festerer US-Dollar und veränderte Zinserwartungen. Gerade bei Gold wirken höhere Zinsen regelmäßig bremsend, weil das Metall selbst keine laufenden Erträge abwirft. Steigen die Kapitalmarktzinsen, erhöht sich damit der Opportunitätskosten-Nachteil des Goldes.
Zusätzlich sorgten die Folgen des Kriegs in Iran laut der Einschätzung der Commerzbank für neue Spannungen an den Energiemärkten. Die dort entstandenen Störungen der globalen Lieferketten trieben den Ölpreis spürbar nach oben. Höhere Energiepreise verstärken wiederum die Inflationserwartungen. Genau das ließ viele Marktteilnehmer zuletzt davon ausgehen, dass die US-Notenbank an einer neutralen geldpolitischen Haltung festhalten müsse, statt die Zinsen rasch weiter zu senken.
Für den Goldpreis war das eine ungünstige Gemengelage. Einerseits gilt Gold als monetärer Wertspeicher und sicherer Hafen. Andererseits leidet es, wenn der Markt wegen anziehender Inflation eher mit höheren oder länger erhöhten Zinsen rechnet. Genau diese Spannung prägte den Markt in den vergangenen Wochen und half zu erklären, warum Gold trotz der geopolitischen Lage nicht stärker von klassischen Sicherheitskäufen profitierte.
Commerzbank rechnet mit sinkenden Realzinsen als Treiber
Aus Sicht der Commerzbank dürfte sich dieses Bild im weiteren Jahresverlauf jedoch verändern. Die Bank geht davon aus, dass der Krieg in Iran vor dem Sommer endet. In einem solchen Szenario müssten die Märkte ihre Erwartungen an die Geldpolitik neu bewerten. Die Analysten rechnen damit, dass die US-Notenbank ihren Zinssenkungszyklus zum Ende dieses Jahres wieder aufnimmt und den Leitzins bis zur Mitte des kommenden Jahres insgesamt um 75 Basispunkte senkt.
Gleichzeitig erwartet die Bank, dass die Inflation in den USA im kommenden Jahr über dem offiziellen Inflationsziel bleibt. Daraus ergibt sich für die Analysten ein zentraler Punkt: Wenn die Nominalzinsen sinken, während die Inflation erhöht bleibt, geraten die realen Zinsen unter Druck. Genau das wäre ein Umfeld, das den Goldpreis stützen könnte, weil die Opportunitätskosten des Haltens von Gold im längerfristigen Vergleich sinken.
Damit erklärt sich auch, warum die Commerzbank trotz des Rücksetzers der vergangenen zwei Monate an ihrer positiven Haltung festhält. Entscheidend ist aus ihrer Sicht nicht nur die kurzfristige Preisbewegung, sondern der geldpolitische und realwirtschaftliche Rahmen, in dem sich Gold bewegt. Wenn sich die Zinslandschaft tatsächlich in die erwartete Richtung verschiebt, könnte sich der zuletzt nur gebremste Aufwärtstrend wieder deutlicher durchsetzen.
Warum Gold als sicherer Hafen diesmal anders reagiert
Bemerkenswert an der aktuellen Marktphase ist laut der Analyse vor allem die Art der Krise. Gold habe seine Rolle als sicherer Hafen nicht verloren, doch die Reaktion des Marktes falle diesmal anders aus als in früheren Stressphasen. In Krisen, in denen wirtschaftliche Risiken dominieren, rechnen Investoren häufig mit expansiver Geldpolitik und sinkenden Zinsen. Solche Konstellationen waren etwa während der Finanzkrise oder der Pandemie zu beobachten. In diesen Phasen profitiert Gold meist besonders stark.
Im aktuellen Umfeld steht dagegen der Inflationsschock stärker im Vordergrund. Wenn Anleger in erster Linie mit Inflationsdruck und restriktiverer Geldpolitik rechnen, fällt der klassische Fluchtreflex zugunsten von Gold schwächer aus. Die Commerzbank verweist in diesem Zusammenhang auch darauf, dass selbst der Schweizer Franken, normalerweise ebenfalls ein klassischer sicherer Hafen, zuletzt zu den schwächeren Währungen im G10-Universum zählte. Für den Goldpreis bedeutet das: Die Sicherheitsfunktion bleibt grundsätzlich intakt, sie wird kurzfristig aber von der Zins- und Inflationsdebatte überlagert.
Neben Gold hält die Commerzbank auch an einem positiven Bild für Silber fest. Das Edelmetall entwickelte sich zuletzt ebenfalls verhalten, obwohl die fundamentalen Daten nach Einschätzung der Bank weiterhin auf einen engen Markt hindeuten. Die Prognose sieht Silber zum Jahresende bei 90 US-Dollar je Unze und bis Ende 2027 bei 95 US-Dollar je Unze. Damit signalisiert die Bank, dass sie nicht nur für den Goldpreis, sondern für Edelmetalle insgesamt weiteres Aufwärtspotenzial auf Basis der zugrunde liegenden Marktdaten erwartet.