Geopolitische Spannungen im Nahen Osten geben dem Goldpreis nach Einschätzung der französischen Bank Natixis neuen Rückenwind. In einem vergangene Woche veröffentlichten Edelmetallbericht argumentieren die Analysten, dass eine Eskalation der Auseinandersetzung zwischen der US-Regierung und dem Iran kurzfristig einen deutlichen Safe-Haven-Impuls auslösen könnte. Aus historischen Konfliktmustern leitet man ab, dass der Goldpreis im Eskalationsfall um rund 15% zulegen könnte – wobei ein großer Teil der Bewegung sehr früh stattfinden dürfte.
Natixis verortet die Marktreaktion ausdrücklich im kurzfristigen Zeitfenster: Die stärksten Preissteigerungen würden nach seiner Einschätzung in den ersten ein bis zwei Wochen nach Beginn einer möglichen militärischen Aktion stattfinden. Bei einem seitwärts tendierenden Ausgangsniveau sieht Natixis in diesem Szenario einen Bereich von 5.500 bis 5.800 US-Dollar je Unze Gold innerhalb von zwei Wochen nach einem Angriff.
Natixis: Safe-Haven-Nachfrage könnte den Goldpreis zunächst schnell treiben
Für die Experten ist der Mechanismus klar: Steigende geopolitische Unsicherheit erhöht typischerweise die Nachfrage nach „sicheren Häfen“, wovon der Goldpreis oft unmittelbar profitiert. Natixis betont dabei, dass solche Bewegungen in der Regel nicht gleichmäßig verlaufen, sondern als schneller Sprung einsetzen – und erst danach in eine Phase der Neubewertung übergehen. Der Markt, so die Argumentation, brauche nach der ersten Schockreaktion Zeit, um die wirtschaftlichen und politischen Implikationen einzuordnen.
In diesem Zusammenhang verweisen die Analysten darauf, dass der Goldpreis bereits seit Monatsbeginn wieder fester tendiert habe – parallel zu einer härteren Rhetorik von US-Präsident Donald Trump gegenüber dem Iran. In der vergangenen Woche habe geopolitische Unsicherheit den Goldpreis bereits über 5.000 US-Dollar je Unze getrieben. Gleichwohl sei es dem Markt bislang nicht gelungen, Gewinne oberhalb von 5.200 US-Dollar zu behaupten, auch wenn die Notierungen auf erhöhtem Niveau unterstützt blieben.
Zum Zeitpunkt der zitierten Einordnung wurde Spot-Gold zuletzt bei 5.147,20 US-Dollar je Unze gehandelt. Die Zahlen unterstreichen aus Sicht von Natixis das Bild eines Marktes, der zwar einen geopolitischen Aufschlag eingepreist hat, aktuell aber in einer Art „Haltezone“ verharrt.
Warum der Goldpreis trotz Rekordnähe nicht automatisch weiterläuft
So klar Natixis das kurzfristige Aufwärtspotenzial im Eskalationsfall beschreibt, so deutlich fällt auch die Warnung vor ausbleibender Nachhaltigkeit aus. Die Bank weist darauf hin, dass Safe-Haven-Nachfrage „extrem volatil“ sein kann und nur selten zu dauerhaft höheren Preisniveaus führt. Gewinne würden häufig wieder abgegeben, sobald sich ein Konflikt stabilisiere – selbst dann, wenn die Auseinandersetzung länger andauere. Entscheidend sei weniger die Laufzeit des Konflikts als die Frage, ob Märkte die Folgen besser einschätzen können.
Diese Sicht passt zum Muster, das Natixis skizziert: Ein schneller Preissprung in der frühen Phase, gefolgt von einem Rücklauf, sobald die Unsicherheit abnimmt oder zumindest kalkulierbarer wird. Für den Goldpreis bedeutet das in der Logik der Bank: Das kurzfristige Upside kann groß sein, aber der Pfad dorthin ist unruhig – und der Rückweg kann ebenso schnell erfolgen.
Damit rückt eine zweite Ebene in den Fokus: Nicht allein die Eskalation zählt, sondern auch die erwartete Reaktionsweise der politischen Akteure. Natixis verknüpft die Marktbetrachtung ausdrücklich mit einer Annahme zum wahrscheinlichen Vorgehen der US-Regierung.
Szenarioanalyse: begrenztes Vorgehen, etwa ein Monat Krisendauer
Für den Fall einer Zuspitzung erwartet Natixis kein unbegrenztes militärisches Engagement, sondern eher eine begrenzte Aktion. Die Bank geht davon aus, dass die Trump-Administration einem „neu etablierten Drehbuch“ folgen könnte, das auf limitierte Maßnahmen hindeutet. In diesem Basisszenario taxiert Natixis die potenzielle Krise im Nahen Osten auf eine Dauer von rund einem Monat.
Die französischen Analysten begründet diese Einschätzung damit, dass die US-Regierung eher dazu neigen könnte, Führungspersonen ins Visier zu nehmen, während die Regimestrukturen und der Sicherheitsapparat grundsätzlich intakt blieben. Als Analogie nennt man Venezuela. Dieses Vorgehen grenzt Natixis von einer Strategie ab, die auf umfassenden Regimewechsel und institutionelle Neuordnung zielt – ein Ansatz, den die Experten mit der Bush-Ära und den Beispielen Irak und Afghanistan verknüpft, wo Regime und Militärstrukturen demontiert wurden.
Für den Goldpreis ist diese Szenarioannahme aus Natixis-Sicht deshalb wichtig, weil die erwartete Konfliktdauer und die erwartete Intensität darüber mitentscheiden, wie lange Safe-Haven-Prämien im Markt bleiben. Der Bericht zeichnet damit ein Bild, in dem geopolitische Risiken kurzfristig neue Allzeithochs begünstigen könnten – gleichzeitig aber genau diese Risiken die Grundlage für eine besonders schwankungsanfällige Preisbildung darstellen.