Gold und Silber haben den drastischen Rücksetzer Ende vergangener und Anfang dieser Woche scheinbar erst einmal verdaut. Gold hat die Marke von 5.000 USD pro Unze bereits zurückerobert und auch Silber notiert derzeit wieder über 90 USD je Unze.
Während sich viele Anleger dennoch auf eine Phase erhöhter Unsicherheit einstellen, beschreiben Rohstoffanalysten der Société Générale die jüngsten Preisbewegungen zwar als außergewöhnlich – gleichzeitig aber als eher technisch getrieben. Zwar sehen die Strategen auch Spielraum für weitere Rückgänge, doch sie halten an einer grundsätzlich positiven Einschätzung für Gold fest und sprechen im Jahresverlauf von einem „asymmetrischen“ Chancen-Risiko-Verhältnis zugunsten der Oberseite.
Die französische Bank hatte erst vor einer Woche ihre Goldpreisprognose angehoben und erklärt, ein Anstieg auf 6.000 US-Dollar je Unze bis zum Jahresende sei eine konservative Annahme. An dieser grundsätzlichen Sicht hat sich nach Einschätzung der Analysten nichts geändert – trotz extremer Ausschläge, die sich am Freitag entladen haben und sich zu Wochenbeginn zunächst fortsetzen.
Gold und Silber: Nicht korrigiert, sondern „deleveraged“
Société Générale ordnet den Rücksetzer nicht als normale Korrektur ein, sondern als massiven Abbau von Hebelpositionen. „Die Metallpreise haben am Freitag nicht einfach korrigiert – sie haben deleveraged“, heißt es in der Einschätzung. Gold sei um 10% gefallen und habe damit den stärksten Intraday-Rückgang seit der globalen Finanzkrise 2008 sowie den größten Tagesverlust seit den frühen 1980er-Jahren verzeichnet. Silber habe gleichzeitig um 30% nachgegeben.
Solche Bewegungen seien nach Ansicht der Analysten ein Hinweis darauf, dass nicht fundamentale Nachrichten oder eine plötzliche Neubewertung des Edelmetallmarktes den Ausschlag gegeben hätten. Vielmehr sei das Geschehen eine Konsequenz aus Positionierung, Liquidität und den Mechanismen des Derivate- und Systemhandels gewesen. Besonders Gold und Silber seien zuvor technisch deutlich überkauft gewesen. In einem Umfeld mit dünner Liquidität reiche dann ein vergleichsweise kleiner Impuls, um eine Kette von Verkäufen auszulösen.
Die Analysten beschreiben einen typischen Ablauf in Stressphasen: Wenn Positionierung zu stark gestreckt ist, werden Stop-Loss-Marken ausgelöst, Margen-Anforderungen steigen, Fonds reduzieren das Risiko und zusätzliche Verkäufe verstärken den Trend. Bei Silber sei der überproportionale Einbruch ein klassisches Zeichen dafür, dass Leverage „ausgespült“ wurde. Verstärkend wirkten demnach Gewinnmitnahmen, Value-at-Risk-Grenzen, Deleveraging von CTA-Strategien und der Umstand, dass die Bewegung zum Monatsende stattfand – einer Phase, in der Positionen häufig technisch angepasst werden, so die SocGén.
Auslöser Warsh-Nominierung: Dollarreaktion und „weniger schlecht als erwartet“
Als unmittelbaren Trigger hinter dem Abverkauf nennen die Analysten eine politische Personalentscheidung aus den USA: Präsident Donald Trump habe angekündigt, den ehemaligen Fed-Governor Kevin Warsh als nächsten Vorsitzenden der US-Notenbank vorzuschlagen. Die Nachricht habe kurzfristig den US-Dollar gestützt – nachdem dieser zuvor in der Woche auf ein neues Mehrjahrestief gefallen war.
Interessant ist dabei die Interpretation der Bank für den Goldmarkt: Gold brauche nicht zwingend steigende oder fallende Zinsen, um zu reagieren. Vielmehr genüge eine Geldpolitik, die „weniger schlecht als erwartet“ ausfällt. Genau dieser Eindruck habe sich mit der Warsh-Personalie eingestellt, weil damit aus Sicht der Analysten ein Unsicherheitsfaktor kleiner geworden sei – nämlich das Risiko institutioneller Unruhe innerhalb der Fed.
In dieser Lesart hat die Nachricht nicht direkt fundamentale Angebot-/Nachfragefaktoren für Gold verändert, sondern Erwartungen an den geldpolitischen Rahmen verschoben und gleichzeitig einen ohnehin überdehnten Markt in Bewegung gesetzt. Der Abverkauf wäre damit eine Reaktion auf ein neues Erwartungsniveau, das in einem überfüllten Trade einen Ausstiegskanal öffnet – und in dünner Liquidität schnell eskaliert.
Optionsmärkte im Fokus: SocGen sieht extreme Asymmetrie bei Gold
Für die nächsten Schritte beobachten die Analysten nach eigenen Angaben besonders den Optionsmarkt. Dort sehen sie bei Gold eine zunehmende Nachfrage nach Put-Optionen auf den Dezember 2026-Strike bei 4.000 US-Dollar – ein Signal, dass Marktteilnehmer sich gegen weitere Rückgänge absichern oder auf sie setzen.
Gleichzeitig registriert Société Générale aber auch einen Aufbau von Call-Positionen auf der Oberseite: Der Strike 10.000 US-Dollar (Dezember 2026) zeige erhöhte Aktivität, zudem gebe es Transaktionen auf noch höheren Niveaus bei 15.000 und 20.000 US-Dollar. Für die Analysten ist genau dieses Nebeneinander entscheidend: Die Extrempunkte auf der Oberseite wirkten im Verhältnis zur Unterseite „sehr asymmetrisch“. Daraus leiten sie ihre Kernaussage ab, dass das Chancenprofil für Gold – trotz möglicher weiterer Rücksetzer – im Jahresverlauf eher zugunsten großer Aufwärtsbewegungen verschoben sei.
Die Bank bleibt deshalb bei ihrer grundsätzlich positiven Haltung zu Gold. Der fundamentale Grund, der Edelmetallen Auftrieb geben könne, sei weiterhin vorhanden, so die Analysten. Zudem könne eine Korrektur nach einer starken Rallye „sehr gesund“ sein, weil sie überdehnte Positionierungen bereinigt und den Markt wieder aufnahmefähiger macht.
Silber bleibt schwieriger: mehr Downside-Absicherung, weniger Call-Aufbau
Bei Silber erkennt Société Générale zwar ein ähnliches Muster, bewertet das Risikoprofil jedoch vorsichtiger. Die Analysten sehen zwar Interesse an Call-Optionen, unter anderem für Mai und Juli 2026 mit sehr hohen Strikes (es werden 200-Dollar-Calls genannt). Gleichzeitig falle jedoch auf, dass sich auf der Unterseite eine größere Positionierung aufgebaut habe: Besonders bei 75-Dollar-Puts für März sowie anschließend bei 80 und 90 US-Dollar.
Für die Juli-Fälligkeit melden die Analysten zudem einen deutlichen Aufbau von Downside-Positionen, insbesondere an den Strikes 65 und 95 US-Dollar. Auf der bullischen Seite seien dagegen nur rund 400 Calls hinzugekommen, was aus Sicht der Bank auf anhaltende Vorsicht gegenüber dem Silber-Upside hindeutet.
Unterm Strich bleibt die Botschaft der Société Générale zweigeteilt: Gold gilt den Analysten weiterhin als bevorzugtes Edelmetall mit einem aus ihrer Sicht asymmetrischen Chancenprofil und einem weiterhin genannten Jahresendziel von 6.000 US-Dollar. Silber wird zwar ebenfalls beobachtet, trägt aber nach Einschätzung der Bank kurzfristig deutlich ausgeprägtere Abwärtsrisiken – nicht zuletzt, weil der jüngste Einbruch das Ausmaß des Leverage-Abbaus in diesem Markt sichtbar gemacht hat.